«Und, wie pflegen Sie Ihren Bart?», fragt Hans Bamert zur Begrüssung. Er empfehle Honig und Rossmist. Dass ein solcher Einstieg zur ersten Begegnung befremdet, scheint er kaum zu bemerken. Doch die Befürchtung, es lasse sich kein Gespräch führen, löst sich schnell auf. Vieles erzählt er klar, weniges scheint verworren, ab und zu muss der Zuhörer schmunzeln.

Der 72-Jährige erinnert sich gut an den Tag, an dem sein altes Leben endete. Er ist mit dem Velo unterwegs von Solothurn nach Olten. In einem Waldstück wechselt er in einer Kurve unvermittelt die Strassenseite, «um ­eine Tafel am Strassenrand anzuschauen, ich Löu». Bamert ist 49, Vater zweier Kinder, hat eine eigene Zahnarztpraxis.

Nach drei Wochen erwacht er aus dem Koma

Der von unten kommende Lastwagenchauffeur sieht den Velofahrer auf sich zurasen. Er bremst abrupt – vergeblich. In voller Fahrt kracht Bamert ins Gefährt.

Er erwacht drei Wochen später aus dem Koma – im Berner Inselspital. «Ich hatte einen totalen psychophysischen Blackout. Wochenlang konnte ich mich nicht bewegen und wusste nicht einmal mehr, wie ich heis­se.» Der Schwerverletzte wird mehrmals operiert, bis schliesslich ein Arzt in Zürich, «der mehr konnte als nur kaltes Wasser trinken», an der Halswirbelsäule den entscheidenden Eingriff vorgenommen habe. Von da an, glaubt Bamert, habe er sich wieder bewegen können.

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Mühsam lernt er gehen und sprechen, und allmählich kommen die Erinnerungen zurück. Wie lange dieser Wiederaufbau dauert, kann er nicht einschätzen: Laut seinem älteren Bruder Klaus war Hans Bamert ein Jahr lang im Spital und ein weiteres Jahr in einer Rehaklinik.

Er wird nie wieder arbeiten können

Nun sitzt Hans Bamert am Tisch eines Solothurner Alterszentrums und erzählt in einem sanften Berndeutsch. Er strahlt eine gewisse Heiterkeit aus, macht gern mal einen lockeren Spruch. Schmerz oder Verbitterung sind nicht festzustellen. Doch wenn man ihn mühsam vom Tisch aufstehen sieht, wie er sich gebückt und schleppend mit seinem Rollator fort­bewegt, wird deutlich, dass er schwer angeschlagen ist. Er kann die rechte Hand kaum bewegen. «Und wenn ich den Kopf drehe, schwankt die ganze Welt.» Seit dem Unfall ist er invalid, eine Rückkehr ins Arbeitsleben war völlig ausgeschlossen.

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Weshalb Hans Bamert, ein sportlicher Mann und geübter Velofahrer, damals die Strassenseite wechselte, konnte nie geklärt werden. Sein Bruder Klaus sagt, gemäss den polizeilichen Abklärungen sei der Unfall zu 100 Prozent selbstverschuldet. Allerdings habe Hans auf der verhängnisvollen Velofahrt eine Augenklappe getragen, da ihm bei der Gartenarbeit etwas heftig ins Auge geraten sei. Vielleicht sei die eingeschränkte Sicht schuld gewesen.

Über den Unfall vor 23 Jahren spricht Klaus Bamert mit bewegter Stimme. Hans sei ein sehr beliebter Zahnarzt gewesen. Er habe dessen Praxis verkauft und sei Beistand seines Bruders, erledige etwa die finan­ziellen Angelegenheiten.

Er willigt in die Scheidung ein

Gemäss Klaus Bamert fiel sein Bruder nach dem Unfall in ein tiefes Loch – «verständlicherweise». Hans stellt es anders dar: «Ich war wütend auf das Schicksal. Aber deprimiert war ich nie.» Später sagt er jedoch: «Ich denke jeden Tag, es ist doch einfach nicht möglich, dass ich fast nichts mehr kann.» Früher habe er so viel unternommen: Wanderungen, grosse Reisen und Velotouren durch die halbe Schweiz. Und der Beruf habe ihm gefallen. Dass er nicht mehr als Zahnarzt arbeiten könne, das «reue» ihn.

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Seit dem Unfall lebte er in verschiedenen mehr oder weniger betreuten Wohnformen, Pflege braucht er aber kaum. Er konnte sich so weit wieder aufbauen, dass er körperlich selbständig ist.

*Name geändert

«Der Kluge lernt, mit Negativem umzugehen»: Hans Bamert.

Quelle: Wojtek Klimek

Zu den «Nebenwirkungen» des Unfalls gehörte, dass seine Ehe in die Brüche ging, «und zwar wegen mir». Seine Frau habe ihm mitgeteilt, er ­habe vor dem Unfall die Scheidung ­gewollt. Er selber habe sich nicht erinnern können, habe aber eingewilligt. Scheidungsgründe kann er nicht nennen. «Merkwürdig, gälled», kommentiert er. Heute habe er kollegiale Beziehungen zu Frauen.

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Gesprächiger ist er, wenn es um seine Kindheit geht. Er habe eine glückliche Jugend gehabt, betont er mehrmals. «Die Eltern liessen uns unheimlich viel machen – auch Fehler.»

Besonders an die ersten Lebens­jahre in Gümligen bei Bern erinnert er sich gern. Lebhaft erzählt er vom «Indianerlen» und vom Schwimmen in der Aare. Einmal habe ihn sein Vater gerade noch aus der reissenden Strömung ziehen können, ihm so das Leben gerettet. Vom Vater schwärmt er in den höchsten Tönen: «Er hatte ein riesiges Wissen, wusste von jeder Pflanze den deutschen und den lateinischen Namen.» Später zog die Familie nach Solothurn, Hans besuchte das Gymnasium. Noch heute kann er den Anfang von Homers «Odyssee» ­rezitieren.

Dienstags lernt er Holländisch

Hans Bamert spricht verschiedene Sprachen, die er nach einem strikten Plan übt: Immer montags trainiert er Französisch, dienstags Holländisch, mittwochs Englisch, an den restlichen Tagen Italienisch, Hochdeutsch, «Baseldütsch» und «Berndütsch». Auf Nachfrage erzählt er einen Witz im Basler Dialekt und fragt auf Holländisch: «Wie gehts?»

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Überhaupt ist Bamert ein geselliger Typ. Im Café schäkert er charmant mit der Bedienung und grüsst laufend vorbeigehende Kollegen. Er pflegt viele Kontakte und nimmt regelmässig an den Treffen seines Studentenvereins teil. Häufig ist er in Solothurn auf der Strasse anzutreffen, man kennt ihn in der Stadt.

Er schreibt fleissig Leserbriefe

Auch schriftlich weiss er sich auszudrücken, schreibt kurze «Essays», wie er sie nennt, und vor allem Leserbriefe. «Wenn mir etwas auf den Wecker geht, sage ich meine Meinung.» Das kann das Verhältnis der Schweiz zur EU ­betreffen – oder auch ein x-beliebiges anderes Thema.

Schriftlich formuliert Hans Bamert präzis. Im direkten Gespräch dagegen ist er etwas sprunghaft, schweift manchmal ab. Laut seinem Bruder Klaus kann er auch ausfällig werden. Das sei typisch für Menschen mit Hirnstammverletzungen. Bamert scheint von der einen oder anderen ­fixen Idee besessen, die kurios wirkt: Er sei in der Nacht jeweils wach und schlafe als «REM-Schläfer» nur 15 Minuten pro 24 Stunden. Daran hält er trotz Widerspruch hartnäckig fest.

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Er schickt einem E-Mails auf Englisch, in denen er weitere Infos zum Thema REM anbietet. Jemand nennt sein Verhalten «kindisch». Doch Bamert macht einen zufriedenen Eindruck. Im Alterszentrum gefällt es ihm – obwohl er nie hierherziehen wollte. Er bekommt regelmässig Besuch von seinen zwei Brüdern und seiner Tochter, «die mir vor kurzem den zweiten Enkel schenkte».

Die zweite Tochter, Karin, ist vor zwei Jahren gestorben. Es war der zweite grosse Schlag in Hans Bamerts Leben. Sie litt seit Geburt an einer Krankheit, wurde nur 40 Jahre alt. «Der Tod war bei ihr lebensbegleitend.» Bereits in jungen Jahren verlor sie ihr Gehör – was sie nicht daran hinderte, später in Astrophysik zu promovieren. Er habe immer gestaunt, was sie alles hingekriegt habe, sagt Hans Bamert und strahlt vor Vaterstolz: «Für ihre Doktorarbeit bekam sie ein ‹summa cum laude›.» Vor ihrem frühen Tod schrieb Karin Bamert einen Blog und ein Buch.

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Wenn er von ihrem Tod erzählt, wirkt Hans Bamert beinahe emotionslos. Doch fragt man nach, verzieht sich sein Gesicht schmerzlich: «Es ist fast nicht auszuhalten, wenn ich daran denke.»

Zu seinem eigenen Schicksal sagt er: «Für jeden gibt es Dinge, die kaum zu akzeptieren sind. Doch man muss es einfach annehmen. Der Kluge ist der, der lernt, mit dem Negativen umzugehen.»

Ob er ein schönes Leben habe? «Ja. Seit meinem Unfall betrachte ich die Dinge von einer anderen Seite. Jedes Leben hat einen bestimmten Wert. Ich freue mich am Schönen.»

Blog der verstorbenen Tocher Karin Bamert: www.rotesocke.ch

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