Beobachter: Herr Ruh, mit der Hilfe von Exit und Dignitas scheiden pro Jahr über 300 Menschen aus dem Leben, hauptsächlich ältere Leute. Überrascht Sie das?
Hans Ruh: Vergessen wir nicht, dass auch jüngere Menschen freiwillig aus dem Leben scheiden. Mitentscheidend dürfte sein, dass in unserer Gesellschaft die Leistung das Mass aller Dinge ist. Wer die verlangte Leistung nicht erbringt, ist out – und kann daran zerbrechen. Heute spielt zudem der Anspruch auf Autonomie eine grössere Rolle als einst. Früher war den Christen das Leben heilig, Gott hatte es ihnen geschenkt. Heute pocht eine zunehmende Zahl von Menschen auf die alleinige Verfügbarkeit über ihr Leben und ihren Tod. Doch gerade im Alter erweist sich die Autonomie als Fiktion, was viele Menschen nur schwer verkraften.

Beobachter: Dass alte Menschen die Autonomie der Abhängigkeit vorziehen, ist doch normal.
Ruh: Die Abhängigkeit gehört zum Menschen, sie hat durchaus ihre positiven Seiten. Im Leben ist der Mensch von allem Möglichen abhängig – von der Natur, von andern Menschen. Die Abhängigkeit hat ihre Würde.

Beobachter: Wo bleibt die Würde, wenn man nicht mehr allein die Toilette aufsuchen kann?
Ruh: Indem wir alte und abhängige Menschen würdig behandeln, erfahren sie ihre Würde.

Beobachter: Meist delegieren wir die Pflege der alten Menschen an Alters- oder Pflegeheime.
Ruh: Die Bereitschaft gesunder Menschen, in einem Pflegeheim zu helfen, ist überraschend gross. Ich habe selbst das Konzept für ein Pflegeheim im Kanton Bern gemacht, das Laien in die Pflege miteinbezieht. Wer selbst in der Pflege aktiv ist, wird später die Pflege auch akzeptieren können. Abhängigkeit ist nicht nur Scheisse und Kotze, sie ist etwas zutiefst Menschliches.

Beobachter: Wenn wir schwer leiden, sind Alter und Abhängigkeit sicher lästig.
Ruh: In Extremsituationen ist alles anders, dann ist auch die Angst da. Das habe ich mit meinen Krankheiten selbst erlebt. Wenn es wieder etwas besser geht, erkennt man, dass das Leben ja nicht so schlecht gewesen ist. Man weiss auch, dass der Tod kommt. Die Frage ist, ob man loslassen kann.

Beobachter: Loslassen, in Würde abhängig sein – das klingt nun doch sehr nach Kritik an Exit und Dignitas.
Ruh: Je mehr die Medizin das Leben verlängert, desto eher können wir nicht ausschliessen, dass ein Mensch begründet sagt: «Jetzt will ich sterben.» Doch das ist nicht der Normalfall. Die Diskussion über Extremfälle müssen wir führen, aber es darf nicht zu Dammbrüchen kommen.

Beobachter: Sprechen Sie nun von Euthanasie, wie sie das Dritte Reich kannte?
Ruh: Es gibt auch die inneren Dammbrüche. Wenn etwa die Erben dem 91-jährigen Vater zu verstehen geben, nun sei es langsam an der Zeit, schliesslich koste die Pflege ein Vermögen. Sieht der Vater das sogar ein, dann wird der Freitod alltäglich – wie ein Bobo am Finger oder das Schnäuzen der Nase. Das kommt nicht gut.

Beobachter: Welche gesetzlichen Rahmenbedingungen müssen denn erfüllt sein, damit es gut kommt?
Ruh: Der Freitod darf nicht zum Geschäft werden. Ich denke, dass sich dies lösen lässt mit dem Einbezug von Freiwilligen, die über ähnliche Qualitäten verfügen müssen wie Seelsorger: Dazu zählen Mitmenschlichkeit, aber auch die kritische Distanz. Doch der Versuch, Leben und Tod ins Recht zu fassen, wird unvollständig bleiben. Beide entziehen sich den Regelungen.