Er sei jetzt zufriedener als davor, betont der 25-Jährige wieder und wieder. In seinem «ersten Leben» fühlte er sich nur lebendig, wenn er die Natur spürte. Wenn sein Körper beim Bergsteigen vor Anstrengung schmerzte. Wenn bei einer Übernachtung unter freiem Himmel die Insekten in den Schlafsack krochen. Wenn er bei einem Pendelsprung dem Tod in die Augen sah. Dinge, die heute in seinem «zweiten Leben» unmöglich sind.

Zwischen den beiden Leben liegt ein Sprung. Sein Sprung von der Ganterbrücke bei Brig. Freier Fall. 150 Meter in die Tiefe. Beide Gummiseile reissen. 28 Brüche im Gesicht, 13 am Körper, zehn Tage Koma. Über 1000 Stunden bei 90 verschiedenen Therapeuten. Der Verlust seines Augenlichts. Fünf Jahre ist es her.

Kein Unglück, sondern Schicksal

Steven Mack, breitschultrig, grünbraune Augen, die immer in die «richtige» Richtung schauen, spricht von Schicksal. Und davon, dass er durch sein Fallen auf den rechten Weg kam. Er sei dem Sturz dankbar. Es stört ihn, wenn Journalisten von einem Unglück reden. «Für die Ärzte war es ein Glücksfall. Die konnten durch mich viel Geld verdienen.» Steven Mack erzählt seine Geschichte, und er erzählt sie gern. Er zitiert Philosophen, aus Büchern, macht Kunstpausen, schmunzelt, überlegt. Nach zwei Stunden sagt er: «Wir sind noch nicht fertig, oder? Ich habe erst richtig angefangen.» Dass er oft im Fernsehen und in Zeitschriften ist, findet er super. Er bekomme Fanpost, und er habe Groupies.

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Es vergehe kein Tag, sagt er, an dem er seine Geschichte nicht erzähle. Oft schilderten ihm fremde Menschen auch ihr eigenes Schicksal. Das ermüde ihn. Nur weil ihm etwas Aussergewöhnliches widerfahren sei, könne er doch nicht mit allem umgehen. Einmal rief ihn mitten in der Nacht ein fremder Mann an. Dessen Tochter war tot aufgefunden worden. Steven Mack hielt den Hörer weg. «Ich bin doch kein Therapeut, verdammt.»

Ab Oktober tourt der gelernte Hochbauzeichner mit dem Buch «Der Blindgänger» durch die Schweiz. Fast täglich tritt er vor mehreren hundert Leuten auf. Seine Botschaft: Du bist für deine Gefühle selbst verantwortlich, kannst dich über dein Schicksal ärgern oder es annehmen. Sein Beispiel: Letzten Sommer traf Mack in Zürich die Liebe seines Lebens. Er fragte sie nach dem Weg. Sie unterhielten sich. Er küsste sie. Sie waren ein Paar. Drei Monate später machte sie Schluss. Er nahm es hin. Später wollte er sie zurück und fuhr zu ihr nach Luzern. Dort stellte sie ihm ihren neuen Freund vor. «Ich liebte sie. Also freute ich mich für sie, weil sie glücklich war.» Kein Liebeskummer, keine Eifersucht? «Wie gesagt, jeder ist für seine Gefühle selber verantwortlich.»

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Er sei leichtsinnig, egoistisch, wird ihm manchmal vorgeworfen, weil er als Blinder ungesichert klettere. Den Vorwurf pariert er ebenfalls mit der Selbstverantwortung. Wenn seine Mutter Angst hat, weil ihm etwas passieren könne, weist er sie auf ihre Entscheidung hin: Sie sei es gewesen, die Kinder gewollt habe. Und nein, er spiele nicht mit dem Tod, wenn er einfach mal so die Fassadensäulen des Zürcher Hauptbahnhofs hochklettere. «Ich weiss, was ich mir zutrauen kann.»

Um fit zu bleiben, macht er Liegestützen und Klimmzüge. Früher hätte er nie zu Hause trainiert. Das fand er zu künstlich. «Das Einzige, was zählte, war die rohe Natur.» Alles andere – Frauen, Sex, Karriere – war unwichtig. Er wollte als Bergführer arbeiten. Sich über Wasser halten mit Nebenjobs als Velokurier, Marroniverkäufer und Leichenwäscher – da verdiene man viel Geld. Und dazwischen ein Adrenalinschub mit einem Pendelsprung, einer gewagten Klettertour.

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Bei Frauen kommt er immer noch an

Heute sorgt das andere Geschlecht für den Kick. Steven Mack glaubt, der Unfall sei mit ein Grund. Er sagt: «Beim Sturz wurde eine Hirnregion verletzt, die für das Schamgefühl und den Sexualtrieb verantwortlich ist.» Das Blindsein erhöht offenbar seinen Marktwert. Er könne sich vor Angeboten kaum retten. Für immer will er aber seine Sehnsucht nach Abenteuern nicht mit Sex stillen. Lieber würde er wieder einmal den Sternenhimmel sehen. Oder den Wald. Einen Berggipfel. Kurz: die Leidenschaft seines ersten Lebens leben.

Eines Tages werde er wieder sehen können, ist Mack überzeugt. Doch sofort schiebt er nach: «Mein erstes Ich will ich aber nicht zurück.»