Frau soll sich hier entspannen können. «Das ist wichtig für den Erfolg», sagt Laborchefin Véronique Cottin. Mit Erfolg meint sie: schwanger werden. Pastellfarben und gedämpftes Licht dominieren im Befruchtungsraum des Fortpflanzungslabors Viollier in Allschwil BL. Leise sphärische Musik tönt aus Lautsprecherboxen. Störend in dieser heilen Welt wirkt einzig der Gynäkologenstuhl; er steht in der Mitte des Raums.

Cottin assistiert, wenn Arzt Jean-Claude Spira den Patientinnen mit einer Plastikkanüle einen bis drei Embryos in der Gebärmutter platziert. «Das ist ein magischer, äusserst emotionaler Moment», schwärmt sie. Denn schliesslich würden die Frauen schon lange auf eine Schwangerschaft hoffen.

Nach dem «Akt» überreicht Cottin den Eltern ein Mikroskopbild der Embryos: Vier Zellen sind zu sehen, manchmal auch acht. Auf den unscheinbaren Zellhaufen baut die Hoffnung vieler kinderloser Paare, in neun Monaten endlich ein eigenes Kind im Arm zu halten; es wäre das glückliche Ende eines zeitintensiven und beschwerlichen Wegs. 14 Tage später wird der Schwangerschaftstest zeigen, ob sich der Embryo tatsächlich in der Gebärmutter eingenistet hat – ob die Behandlung erfolgreich war oder nicht.

Meist klappt es nicht. Pro Behandlungszyklus beträgt die Schwangerschaftsrate durchschnittlich knapp 25 Prozent. Und die einzige Zahl, die für die Paare wirklich zählt, ist die so genannte «Baby take home»-Rate: die Rate der effektiv geborenen Kinder, die Fehlgeburten nicht mitgezählt. Sie lag im Jahr 2001 bei nur gerade 14,5 Prozent.

Niedrige Erfolgsquote, hoher Zulauf
Trotz der niedrigen Erfolgsquote versuchen immer mehr Paare, auf künstlichem Weg ein Kind zu bekommen. 1993 liessen sich in der Schweiz 957 Frauen künstlich befruchten; 2002 waren es bereits 3440, die sich in einem der 19 Fortpflanzungszentren behandeln liessen. Täglich kommen hierzulande zwei Kinder auf die Welt, die durch die In-vitro-Fertilisation gezeugt wurden, durch die Befruchtung der Eizelle in einer Glasschale.

Jedes sechste Paar bleibt ungewollt kinderlos – Tendenz zunehmend. Die Ursachen sind vielfältig und zu gleichen Teilen beim Mann und bei der Frau zu suchen. Der Hauptgrund für die zunehmende Unfruchtbarkeit liegt im gesellschaftlichen Wandel. Immer mehr berufstätige Frauen schieben den Kinderwunsch hinaus: Erst kommt die Karriere, danach die Kinder.

Doch dann ist es oft zu spät, denn die Fruchtbarkeit der Frau erreicht im 25. Lebensjahr den Höhepunkt – nachher nimmt sie zuerst langsam und ab 35 rapide ab. Allen medizinischen Bemühungen zum Trotz konnte die biologische Uhr bisher nicht beeinflusst werden.

Der späte Kinderwunsch vieler Frauen ist für die Pharmaindustrie ein Riesengeschäft, denn für jede künstliche Befruchtung braucht es eine Behandlung mit Fruchtbarkeitshormonen. Weltweit führend in diesem Bereich ist das Genfer Biotech-Unternehmen Serono des Milliardärs und «Alinghi»-Segelstars Ernesto Bertarelli. Im letzten Jahr stieg der Umsatz mit Hormonpräparaten um 15 Prozent. Mit Hochglanzprospekten nähren die Pharmafirmen die Hoffnungen der Paare. «Ungewollte Kinderlosigkeit. Eine Frage des Teamworks!», lautet der Titel der Informationsbroschüre von Serono. Und der Pharmamulti Organon wirbt mit dem Slogan: «Behandlungsweg mit Chancen!»

«Neutrale Information gibt es leider kaum», kritisiert Franziska Wirz vom Verein Appella. Zusammen mit anderen Frauen betreibt sie vier Stunden pro Woche ein unabhängiges Informations- und Beratungstelefon zum Thema Schwangerschaft, das jährlich 300 Frauen nutzen. «Im Gegensatz zu den Ärzten raten wir, sich ohne zusätzliche Massnahmen mindestens zwei Jahre Zeit zu nehmen fürs Kinderkriegen.» Oft bringe gerade das Loslassen den ersehnten Erfolg. Viele Frauen würden just dann schwanger, wenn sie ihre Hoffnungen auf Nachwuchs begraben hätten.

Früh Alternativen ins Auge fassen
Kinderlosigkeit und künstliche Befruchtung sind nach wie vor Tabus. «Schon öfter haben uns Bekannte als Doppelverdiener abgestempelt, statt zu fragen, warum wir keine Kinder haben», sagt die Betroffene Sonia Hauser (Name geändert). Hausers versuchen seit Jahren, auf künstlichem Weg ein Kind zu bekommen – ohne Erfolg.

«Es ist wichtig, sich frühzeitig mit alternativen Lebensformen zu befassen», sagt Appella-Frau Wirz. Manche Paare würden sieben Jahre in die künstliche Fortpflanzung investieren, dabei bleibe das Verarbeiten der Kinderlosigkeit auf der Strecke. «Die Ärzte machen zu wenig auf Alternativen wie eine Adoption oder ein Pflegekind aufmerksam.»

Diese Erfahrung mussten auch Cornelia und Andreas Birrer machen. Sie wollten nach fünf Jahren ungewollter Kinderlosigkeit ein Kind adoptieren. Doch ihr Arzt beharrte stur auf einer künstlichen Befruchtung. Kein Wunder: An einem Retortenbaby verdient der Arzt gut, an einer Adoption hingegen nichts.

Auch bei der Beratung der Paare haben die Pharmafirmen ihre Hände im Spiel. Serono finanziert zum Beispiel die Hotline des Vereins Kinderwunsch, einer selbst ernannten Patientenorganisation. «Es liegt uns am Herzen, dass unfruchtbare Paare korrekt informiert werden», begründet Serono-Sprecherin Stefanie Lauber das Engagement. Es sei entscheidend, dass die Patienten früh zu anerkannten und erfolgreichen Spezialisten überwiesen würden.

«Unsere Mitglieder sind als Betroffene gegenüber der modernen Medizin offen», sagt Kinderwunsch-Sekretär Conrad Engler. Er war früher Pressesprecher von Interpharma, dem Verband der forschenden pharmazeutischen Firmen in der Schweiz. Heute ist er als Betroffener mit dem Verein auch politisch präsent. Denn das Schweizer Fortpflanzungsmedizingesetz ist im Vergleich zum Ausland sehr restriktiv. Vieles ist hier verboten, was im Ausland längst praktiziert wird. Und das ist Engler ein Dorn im Auge.

Mediziner fordern Gesetzesänderung
In Spanien oder Belgien beispielsweise ist die Eizellenspende erlaubt; in England laden Mediziner zum genetischen Embryocheck. Noch grosszügiger werden Wünsche in den USA erfüllt: Selektion nach Geschlecht, Spitzensamen aus dem Katalog, Nachwuchs für Tote oder im Internet angeworbene Leihmütter gehören dort zu den gängigen Dienstleistungen. Die christliche Hilfsorganisation Snowflakes bietet neuerdings sogar tiefgefrorene Embryos zur Adoption an.

Jetzt soll auch das Schweizer Gesetz gelockert werden, drängen die Lobbyisten der Fortpflanzungsmedizin. Sie fordern die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID). Mit dieser bis anhin in der Schweiz verbotenen Technik könnten Mediziner gesunde Embryos selektionieren. «Die genetische Untersuchung in der Petrischale ist verboten, aber die genau gleiche Diagnostik in der Gebärmutter erlaubt. Das finde ich falsch», kritisiert Conrad Engler.

Die Chancen für eine Gesetzesänderung stehen gut. Nach den Parlamentswahlen im vergangenen Herbst hat sich die Zusammensetzung der nationalrätlichen Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur verändert, die das Verbot vor drei Jahren einführte. «Die Zeiten haben sich gewandelt, heute ist die PID eine wissenschaftlich-medizinisch anerkannte Untersuchung», sagt FDP-Nationalrat und Novartis-Mann Johannes Randegger. «Befürchtungen Richtung Eugenik, der systematischen Selektion der Embryos aufgrund von Erbfaktoren, haben sich nicht bestätigt.» In diesen Tagen berät die Kommission über die Aufhebung des Verbots der Präimplantationsdiagnostik.

Schweiz nicht länger konkurrenzfähig?
«Ohne PID sind wir blind und bald nicht mehr konkurrenzfähig», sagt Professor Michael Hohl von der Frauenklinik Baden. Er geht noch weiter: Auch die Forschung am Embryo sollte erlaubt werden; sie würde die Fortpflanzungsmedizin sehr schnell viel weiter bringen. «Es ist eine ethische und moralische Verpflichtung, die überzähligen Embryos für sinnvolle Forschung einzusetzen, statt sie zu vernichten.»

Für Hohl ist klar: Die Frauen bekommen heute immer später Kinder – eine gesellschaftliche Entwicklung, die nach künstlicher Fortpflanzung verlangt: «Wir müssen das der Gesellschaft auch bieten.» Es herrsche eine klassische Angebot-und-Nachfrage-Situation.

Risiken noch zu wenig erforscht
Radikal anderer Meinung ist Beatrice Zenzünen von der Behindertenorganisation Insieme: «Das Gesetz ist 2001 in einem demokratischen Meinungsbildungsprozess zustande gekommen. Dass es bereits heute wieder revidiert und aufgeweicht werden soll, ist Ausdruck eines schleichenden Wertewandels, der sich zunehmend an Forschungs- und Wirtschaftsinteressen orientiert.» Die Behindertenorganisationen befürchten, dass mit der Zulassung der PID der Schutz des Embryos preisgegeben wird und bloss noch nach medizinisch-wissenschaftlichen Gründen entschieden wird, was lebenswert ist und was nicht. «Ein behindertes Kind bedeutet nicht einfach Leid, sondern auch Bereicherung», stellt Zenzünen klar.

Ähnlich argumentiert Kritikerin Franziska Wirz: «Die Risiken der technischen Lösungen sind noch nicht erforscht.» Tatsächlich häufen sich die wissenschaftlichen Hinweise, dass Kinder, die im Labor gezeugt wurden, vermehrt Fehlbildungen aufweisen oder an seltenen Krankheiten wie Augenkrebs leiden. Die Ursachen dafür sind unbekannt.

Ein erwiesenes Risiko der künstlichen Fortpflanzung sind Mehrlinge. Um die Erfolgsrate zu erhöhen, werden den Frauen meistens mehrere Embryos in die Gebärmutter eingesetzt. Die tragischen Folgen künstlich herbeigeführter Mehrlingsschwangerschaften offenbaren sich in den Entbindungsstationen der Spitäler, wo Frühgeburten mit schweren Gesundheitsschäden versorgt werden müssen.

In der Schweiz ist die Anzahl der Embryos pro Transfer deshalb auf maximal drei beschränkt. Heute liegt die Zahl der Zwillingsgeburten nach einer künstlichen Befruchtung bei zehn Prozent, Drillinge gibts kaum noch. «Früher war das Problem akut, jetzt haben wir es langsam im Griff», so Hans Ulrich Bucher, Professor für Neonatologie am Universitätsspital Zürich.

Fortpflanzungstourismus ins Ausland
Doch gibt es immer wieder Frauen, die sich im Ausland mehr als drei Embryos einpflanzen lassen. «Damit schiessen die ausländischen Fortpflanzungsmediziner definitiv über das Ziel hinaus», warnt Bucher. Oft müssten sie dann im Mutterleib einzelne Föten abtöten, um das Überleben der anderen zu sichern – ein schmerzlicher Prozess für alle Beteiligten.

Ungewollt kinderlose Paare lassen sich in der Regel kaum von Risiken oder Gesetzen abschrecken. Sind alle in der Schweiz erlaubten technischen Möglichkeiten ausgeschöpft, reisen viele Paare ins Ausland: Ausländische Babymacher locken mit besseren Erfolgsquoten – vor allem aber mit Dienstleistungen, die in der Schweiz verboten sind.

In Bregenz beispielsweise behandelt der Reproduktionsmediziner Herbert Zech seit 20 Jahren Frauen aus der Schweiz. In Österreich ist es legal, die Entwicklung der Embryos drei Tage länger im Reagenzglas zu verfolgen als hierzulande. So können jene Embryos aussortiert werden, die sich nicht normal entwickeln. Davon profitiert Zech: «Wir erhöhen damit die Schwangerschaftsrate auf 80 Prozent.»

Seine Schweizer Kollegen stellen diese hohe Zahl allerdings in Frage. «In Amerika kommt es so weit, dass gewisse Zentren nur noch junge, gesunde Frauen mit grossen Erfolgschancen behandeln, um ihre Rate zu optimieren», sagt Fortpflanzungsmediziner Spira. Der Wettbewerb unter den Zentren ist gross.

Meist mindestens drei Eingriffe nötig
Viele kinderlose Paare greifen nach jedem Strohhalm und schrecken auch nicht vor den hohen Ausgaben zurück. Eine Behandlung kostet pro Zyklus 5000 bis 8000 Franken. Meistens sind mindestens drei Zyklen nötig, bis es zu einer Schwangerschaft kommt. Die Krankenkassen bezahlen die Befruchtung im Reagenzglas nicht – noch nicht.

Doch auch hier ist der von der Pharmafirma Serono gesponserte Verein Kinderwunsch aktiv: «Unfruchtbarkeit ist eine anerkannte Krankheit, die künstliche Befruchtung eine anerkannte Behandlungsmethode. Darum muss sie von der Krankenkasse bezahlt werden», meint Sekretär Conrad Engler.

Der Entscheid liegt beim Eidgenössischen Departement des Innern. «Wenn alles optimal läuft, wird die In-vitro-Fertilisation per Anfang 2005 in den Leistungskatalog aufgenommen», ist Pedro Koch vom Bundesamt für Gesundheit überzeugt. «Wir warten auf den offiziellen Antrag der Kliniken.» Und die werden sich das Riesengeschäft sicher nicht entgehen lassen.

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