«Wenn wir mit Freunden in den Ferien sind, wollen die abends immer Karten spielen. Ich lese lieber ein Buch. Für mich ist Spielen Zeitverschwendung. Meine Frau meint, ich könne halt einfach nicht verlieren.»

Man kann es auch etwas weniger abwertend formulieren: statt Zeitverschwendung Zeitvertreib. Das sind Spiele tatsächlich. Sie genügen sich selbst und dienen im Unterschied zur Arbeit keinem Zweck. Es muss nichts dabei herausschauen. So betrachtet, lässt sich Ihr Lesen aber durchaus damit vergleichen. Wenn Sie sich nicht mit einem Sachbuch weiterbilden, sondern ein Buch zur Unterhaltung lesen, ist es ebenfalls ein Zeitvertreib, der keinen weiteren Zweck verfolgt. Was Ihnen dabei Freude bereitet und Sie in Atem hält, ist ja auch nicht Realität, sondern im Grunde genommen ein Spiel Ihrer Phantasie. Die kartenspielenden Freunde wie auch Sie selber tauschen also die Alltagswelt zur Entspannung gegen eine spielerische ein.

Spielen gehört zum Menschen. Das ­älteste bekannte Spiel stammt aus Ägypten und ist 5000 Jahre alt – eine Urform des Brettspiels mit Würfeln. «Mühle» wurde 2000 vor Christus erfunden, die Olympischen Spiele im achten Jahrhundert vor Christus und Schach auch schon ums Jahr 500 in China.

Was ein gutes Spiel ausmacht

Zu einem faszinierenden Spiel gehört nach dem Forscher Roger Caillos mindestens eines der folgenden Prinzipien: Wettkampf, Zufall, Maske und Rausch.

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Das Element Wettkampf ist bei Sport- und Ratespielen zentral. Man gewinnt aufgrund der eigenen Leistung. Verhaltensforscher vermuten, ein solches Kräftemessen gehe auf die Revier- und Rivalitätskämpfe unserer tierischen Vorfahren zurück. Gewinnen scheint jedenfalls derartige Hochgefühle in uns zu erzeugen, dass wir auch längere Verliererphasen dafür in Kauf nehmen.

Der Zufall wird beim Lotto oder anderen Glücksspielen herausgefordert. «No risk, no fun» heisst es. Man möchte gewinnen, aber gerade die Möglichkeit des Verlierens stellt eigentlich den Kick dar. Ist dieses Wagnis ein spielerisches Training für die Wechselfälle des Lebens oder einfach eine spielerische Parallele dazu? In der realen Welt erleben wir ja ebenso Glück und Enttäuschungen. Vielleicht reduziert das freiwillige spielerische Herausfordern des Schicksals unsere Angst vor seiner realen Bedrohung.

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Ausgleich zum Alltag

Die Maske steht symbolisch für die Verstellung, das Rollenspiel, also für Theater und Film. Kein Zweifel, dass die fiktionale Welt der Spielfilme Hollywoods Millionen in ihren Bann zieht.

Rausch schliesslich ist wohl ein etwas zu starkes Wort für die Tatsache, dass, wer konzentriert spielt, sich immer in einer ­eigenen, vom Alltag abgehobenen Welt befindet. Gerade darum dient das Spiel als Entspannung, als Ausgleich zur Arbeit und zu den Pflichten. Wird allerdings das Glücksspiel zur Sucht, ist der Begriff Rausch angebracht. Aber es sind glück­licherweise wenige, bei denen das Spiel zur Krankheit wird. Für die meisten von uns ist Spielen, in welcher Form auch immer, ein wichtiger Bestandteil des Lebens und ein notwendiges Element der Lebenszufriedenheit.

Der niederländische Kulturhistoriker ­Johan Huizinga war der Meinung, dass das Spiel nicht nur eine Nebensache darstellt, also eine Art Sahnehäubchen auf dem Alltag. Im Gegenteil: Nur dank seiner Fähigkeit zu spielen und seinem Hang dazu habe sich das reiche Kultur­leben des Menschen überhaupt entwickeln können. Und in jeder Zeitepoche durchdringt das Spiel auch den Alltag. Ganz offensichtlich ist es in der modernen Gesellschaft der Wettkampf. Unsere Welt ist voll von Wettbewerbsspielen: Champions League, Skizirkus, Autorennen, Tennisturniere, Weltmeisterschaften und Olympische Spiele unterhalten uns. Und parallel dazu funktioniert auch der Alltag weitgehend nach dem Prinzip des Wettbewerbs.

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