Frage: «In einer Diskussion unter Freunden ist der Begriff 'emotionale Intelligenz' gefallen. Im Grunde genommen weiss ich nicht, was man darunter zu verstehen hat. Ist es ein offizieller Fachausdruck?» Kathrin W.

Wie weit der Begriff von Wissenschaftlern heute bereits anerkannt wird, weiss ich nicht. Aber es wird ohne Zweifel viel darüber diskutiert, seit der Amerikaner Daniel Goleman vor sieben Jahren einen Bestseller mit diesem Titel lanciert hat. Der Gedanke ist nicht neu, denn Pestalozzi hat schon vor 200 Jahren betont, dass eine gute Schule Kopf, Herz und Hand im gleichen Mass bilden würde. Damit wollte er sagen, dass neben der Förderung des Denkens, des Wissens und der manuellen Fertigkeiten auch die Gemütsbildung ein wichtiges Erziehungsziel sei. Auch Goleman ist der Meinung, dass man emotionale Intelligenz nicht einfach geschenkt bekommt, sondern dass sie gefördert oder erlernt werden kann.

Bei einem Säugling stehen die Gefühle noch ganz im Vordergrund; er hat keine Probleme, sie zu spüren oder auszudrücken. Vor allem seine negative Befindlichkeit bringt er mit Schreien lautstark zur Geltung. Mit der Zeit differenzieren sich die Lust- und Unlustreaktionen zu einem breiten Gefühlsspektrum. Wenn es den Eltern nicht gelingt, all diesen Äusserungen einfühlend zu begegnen, verarmt das Gefühlsleben des kleinen Menschen. Als Erwachsener wird er zu einer relativ kalten und unnahbaren Person, zu einem Menschen mit einer niedrigen emotionalen Intelligenz eben.

Schon der griechische Philosoph Aristoteles wies darauf hin, dass in den Leidenschaften ein Stück Weisheit stecke. Er warnte aber auch davor, dass Gefühle leicht entgleisen können und dann mehr Schaden als Nutzen anrichten. Für Goleman besteht deshalb die emotionale Intelligenz aus vier Teilen:

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  • die eigenen Emotionen kennen
  • die Emotionen handhaben
  • die Emotionen in die Tat umsetzen
  • Einfühlungsvermögen


Bei Menschen, die wegen Entscheidungsschwierigkeiten in die Therapie kommen, entdeckt man in der Tat meist, dass sie ihre echten Bedürfnisse gar nicht wirklich spüren. Sobald sie aber gelernt haben, ihre Gefühle deutlich wahrzunehmen, ergibt sich von selbst, welchen Weg sie einschlagen sollten.

Wer von starken Emotionen wie Angst oder Wut überwältigt wird, fühlt sich unfrei und wird zum Opfer der Gefühle. Deshalb ist es wichtig, dass man früh lernt, wie man seine Gefühle angemessen ausdrücken kann. Natürlich spielt dabei die Sprache eine ganz wichtige Rolle. Menschen, die ihre eigenen Emotionen wahrnehmen können, sind auch in der Lage, sich in andere einzufühlen. Wer über alle vier Aspekte der emotionalen Intelligenz verfügen und sie handhaben kann, fühlt sich nicht nur besser und freier. Er wird auch zu einem angenehmen Familienmitglied oder Teamkollegen. Deshalb sind Menschen, die nicht nur über hohe intellektuelle Fähigkeiten verfügen, sondern eben auch Herz haben, im Leben meist erfolgreicher.

Leider gibt es in der modernen Gesellschaft noch immer eine starke Tendenz, die intellektuelle Leistung überzubewerten. Vielleicht liegt das daran, dass unsere Kultur so viel Wert darauf legt, die Sieger von den Verlierern zu trennen. Kommt hinzu, dass emotionale Intelligenz weit schlechter messbar ist als reine intellektuelle Leistung. Vielleicht fehlt es aber auch an der Einsicht, dass ein reiches Gefühlsleben mehr Lebensqualität bedeutet als Macht und finanzieller Erfolg.