Sie sind gestandene Männer, reich an Lebenserfahrung, offen im Herz, hell im Kopf. Aber aus der Jugend werden sie nicht mehr schlau. Zeit zu handeln, sagten sich die drei befreundeten Senioren aus der Zentralschweiz. Hugo Ziswiler, 69, und seine beiden Freunde Peter Niederberger, 77, und Josef Würsch, 67, haben seit kurzem ein Projekt: Sie wollen die Jugend von heute verstehen lernen.

Alles ins Rollen gebracht hat ein Erlebnis. Der pensionierte Allgemeinmediziner Hugo Ziswiler spaziert an einem Samstagabend im Sommer 2006 in Luzern den Quai entlang, vorbei am Schwanenplatz und den Luxushotels, zur Lidowiese. Auffällig viele Jugendliche haben denselben Weg eingeschlagen. Viele von ihnen sind mit Bier und anderen alkoholischen Getränken unter dem Arm unterwegs. Fröhlich sind sie und laut. «Gopfriedstutz, was ist hier los?», fragt sich der Hergiswiler. Erst als er auf der Wiese ankommt, realisiert er, dass «die alle zu einem Open Air unterwegs» sind. Der Senior ist irritiert. Es wird ihm schlagartig bewusst: «Diese Art des Konsums ist mir fremd. Das ist eine andere Welt, die ich nicht mehr verstehe.»

Schlägereien, Bandenterror, Gewaltdelikte
Der Rentner kannte diese «andere Welt», wie er sie nennt, nur aus den Medien. Dort sorgen Teenager, die bis zum Umfallen trinken und nicht selten mit einer Alkoholvergiftung im Spital landen, immer wieder für Schlagzeilen. Parallel dazu vergeht kaum ein Monat ohne eine neue Meldung über Schlägereien, Bandenterror und andere Gewaltdelikte, begangen von Kindern und Jugendlichen. Die Gesellschaft ist beunruhigt, und spätestens seit Vergewaltigungsfälle in Rhäzüns und Zürich publik wurden, streiten sich Politiker und Expertinnen über Ursachen und geeignete Lösungsansätze.

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Die Senioren verfolgen diese Diskussionen aufmerksam, doch so recht mögen sie an das in den Medien gezeichnete Bild der heutigen Jugend nicht glauben. Trotz seinem «Erlebnis» am Quai in Luzern sagt Ziswiler: «Ich will die Probleme nicht verniedlichen, die sind real. Doch so schlecht kann die heutige Jugend per se doch gar nicht sein.» Schliesslich hätten sich die Erwachsenen schon immer über die Jugend beklagt, fügt er an und zitiert den Dichter Hesiod: «Ich habe keine Hoffnung mehr für die Zukunft unseres Volkes, wenn sie von der leichtfertigen Jugend von heute abhängig sein soll. Denn diese Jugend ist ohne Zweifel unerträglich, rücksichtslos und altklug.»

Anders als der alte Grieche um 700 vor Christus schimpft der Hergiswiler nicht und will den jungen Menschen auch nicht aus dem Weg gehen. Im Gegenteil. Obwohl er eigentlich ganz gut ohne sie zurechtkäme: Finanziell unabhängig, topfit, eigene inzwischen erwachsene Kinder, mit denen er sich prächtig versteht, und ein Umfeld, das ihn auch in der schwierigen Zeit, als seine Frau starb, tragen konnte. Trotz beruflichem Ruhestand hat er genug zu tun, und gleichwohl lassen ihm die jungen Menschen keine Ruhe.

Generationenfragen treiben auch die Wissenschaft um. Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 52 zum Beispiel haben Experten ihre gesellschaftliche Bedeutung aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und im Themenheft «Welcher Kitt hält die Generationen zusammen?» erste Ergebnisse der Studie veröffentlicht. Darin betont etwa Mitautorin Regula Zähner, wie wichtig Begegnungen und Beziehungen zwischen Alt und Jung sind - auch ausserhalb der Familie. Dadurch kann die «Alltagskompetenz im Umgang miteinander» gestärkt, können «brachliegende Ressourcen» genutzt werden. Denn, so Zähner, das Miteinander oder eben «die Integration aller Generationen» sei in den kommenden Jahrzehnten eine der grössten Herausforderungen, wenn es darum gehe, eine zukunftsfähige Gesellschaft zu gestalten.

Schliesslich wird Europa - und damit auch die Schweiz - älter. So soll laut Prognosen der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung von heute 16 Prozent bis in 40 Jahren auf knapp 28 Prozent steigen. Diese Entwicklung provoziert Diskussionen über die Erhaltung der Sozialwerke. Alte Menschen werden zunehmend als Kostenfaktor gesehen, während die Jugend ihrerseits für gesellschaftliche Probleme wie Gewalt oder Sozialschmarotzertum verantwortlich gemacht wird.

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Wissenstransfer zwischen Jung und Alt
«Dabei könnten wir doch voneinander profitieren», meint der eloquente Analytiker Ziswiler und spricht damit auch für seine Freunde. Denn ihre Motivation, sich über Jugendliche Gedanken zu machen, rührt nicht allein von der Neugier auf diese andere Welt her. Verständnis ist für sie auch eine Voraussetzung für ihr Ziel: eine Zusammenarbeit, ein Wissenstransfer zwischen Jung und Alt. Sie sind überzeugt, dass man sich gegenseitig unterstützen kann. Welche konkreten Fähigkeiten sie von Jugendlichen in Anspruch nehmen würden, wissen die drei zwar noch nicht, aber sie bieten schon mal ihr Wissen, ihre Kompetenzen feil.

«Wir könnten unsere langjährige berufliche Erfahrung und unser Beziehungsnetz zur Verfügung stellen», sagt Peter Niederberger und skizziert, in welche Richtung seine Unterstützung gehen könnte: Der 77-Jährige arbeitete 30 Jahre lang im Ausland, unter anderem auch als Botschafter in Ländern wie Kolumbien und Pakistan. Statt in Australien zu bleiben - diese letzte Station war «als Zückerchen am Ende meiner Karriere gedacht» -, sind er und seine Frau in die Heimat zurückgekehrt. Die beiden wohnen heute in Fürigen am Bürgenstock hoch über dem Vierwaldstättersee. Niederberger ist Diplomat geblieben. Ein Mann, der gegen Widerstände zwischen Parteien zu vermitteln weiss, viel Ahnung hat von Behördenabläufen und Gesprächstaktiken und Jugendlichen mit Sicherheit wertvolle Tipps geben könnte, wie sie am besten zur gewünschten Skateranlage oder einem eigenen Musiklokal kommen.

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Endlich an der richtigen Adresse
«Wir, die Älteren, können der jüngeren Generation etwas zurückgeben. Ohne ihr das Gefühl zu vermitteln, man wisse alles besser», mischt sich der Dritte im Bunde in die freundschaftliche Diskussion am Stubentisch seines schmucken Hauses in Beckenried ein: Josef Würsch hat es beruflich nie ins Ausland gezogen, der Vater dreier Töchter und ebenfalls Grossvater machte stattdessen in seinem Heimatkanton Nidwalden Karriere. Er ist vom diplomierten Krankenpfleger zum Heimleiter aufgestiegen und heute noch eine Kapazität im Bereich der Altenbetreuung. Gleichzeitig hat er während vieler Jahre als Ausbildner mit jungen Menschen gearbeitet und weiss: «Am wichtigsten ist das Zuhören.» So weit, so gut. Bloss, so wertvoll ihr Gedankenaustausch auch ist, nun stehen die drei Nidwaldner an. Ihr Dilemma: «Wie kommen wir an die Jugendlichen heran?»

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Er habe schon ein paar Mal Anlauf genommen und den Kontakt zu Jungen gesucht, erzählt Peter Niederberger. Ohne Erfolg. So habe er sich zum Beispiel einmal bei einem befreundeten Kantonsschullehrer erkundigt, ob seine Schüler an einem Dialog mit ihm und anderen Alterskollegen interessiert wären, um über die Probleme in der Gesellschaft zu diskutieren. Doch der habe abgewinkt und gesagt, er wäre masslos enttäuscht, seine Schüler hätten keine Ideen mehr.

Dieses Mal soll es klappen. Mit Markus Gander hat sich das Trio den Mann an Bord geholt, der das national agierende Netzwerk für Kinder- und Jugendförderung Infoklick.ch aufgebaut hat und weiss, wie die Jungen ticken. In einem Hotel in Engelberg treffen die drei Nidwaldner auf den Experten für Kinder- und Jugendfragen und auf drei weitere Senioren, die wie sie gerne aktiv mit Jugendlichen zusammenkommen würden, aber nicht wissen, wie.

Zwei Wochen später ist klar: Gander war ganz offensichtlich die richtige Adresse. Nun liegt ein Grobkonzept mit dem Namen «Projekt Seniorexperts» vor. Ein Anfang ist gemacht. In diesen Tagen wollen die Senioren entscheiden, wie es weitergehen soll. Experte Markus Gander sagt: «Mit ihrer Initiative haben die drei in der Zentralschweiz bereits jetzt ein Feuer entfacht.»

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«Projekt Seniorexperts»

«Projekt Seniorexperts» von Infoklick.ch sieht vor, dass ältere Menschen Wissen, Erfahrungen, Ressourcen, aber auch Netzwerke Jungen zur Verfügung stellen, die gemeinnützige Projekte realisieren möchten. Gleichzeitig sollen Senioren - Einzelpersonen, Vereine oder Klubs - für ihre Anliegen und Projekte auf spezifisches Wissen und Fähigkeiten der jungen Generation zurückgreifen können. Voraussetzung für diesen Austausch ist eine Schnittstelle. Das Projekt sieht vor, dass eine Plattform geschaffen wird, auf der Senioren angeben können, in welchen Bereichen sie ihr Wissen und ihre Beziehungen einbringen wollen. Infoklick.ch, Kinder- und Jugendförderung Schweiz, unterhält heute schon eine solche Plattform für Jugendliche. Diese würde mit «Seniorexperts» verknüpft, so dass beide Seiten darauf zurückgreifen können. Ob und wie sie das Konzept umsetzen wollen, entscheiden Hugo Ziswiler, Peter Niederberger und Josef Würsch Ende August.