Die beiden Mädchen sind noch keine zehn Jahre alt, aber ihre Zähne sehen aus wie die einer Greisin. Schwarze, von Karies zerfressene Stummel. Die Eltern sind mit Geldsorgen beschäftigt, da geht die Zahnhygiene unter. Die Mutter ist Analphabetin, der Vater arbeitet als Hilfsarbeiter auf dem Bau. Als auf dem Balkan der Krieg ausbrach, kamen sie in die Schweiz.

Die Eltern sind froh, wenn die Mädchen vor dem Fernseher sitzen, nur so lässt es sich in der engen Zweizimmerwohnung aushalten. Man spricht kaum miteinander. Die ältere Tochter leidet unter Sprachstörungen. Beide Kinder sind übergewichtig. Für eine gesunde Ernährung haben die Eltern weder das Geld noch das Wissen. Die Jüngere hat Epilepsie. Die regelmässigen ambulanten Untersuchungen im Spital verpassen die Eltern hin und wieder. Allein getraut sich die Mutter nicht hin, sie spricht kein Deutsch. Und für den im Stundenlohn angestellten Vater bedeutet jeder Spitalbesuch weniger Einkommen.

Cornelia Sidler betreut diese Familie, sie sagt: «Solche Fälle sind mein Alltag.» Sidler leitet die Sozialberatung des Kinderspitals beider Basel. Erzählt sie Geschichten aus ihrem Berufsalltag, kommt darin eine alleinerziehende Mutter vor, sozialhilfeabhängig und hoch verschuldet, kaum Kontakte zur Aussenwelt. «Ihr Sohn ist in seiner Entwicklung zurückgeblieben.» Es kommen drei Schwestern vor. «Zwei von ihnen leiden unter chronischen Atemwegserkrankungen. Sie leben in einer feuchten, von Schimmel befallenen Wohnung.» Es ist die Rede von Eltern, die nicht genug Geld haben, um die Selbstbehalte der Krankenkassenrechnungen zu bezahlen, und deshalb nicht mehr zum Kinderarzt gehen.

Unwissenheit der Eltern ist oft erschreckend
Laut neusten Untersuchungen aus Deutschland sind Kinder aus sozial schwachen Familien kränker als jene aus Familien mit höherem sozialem Status. Psychische Entwicklungs- und Essstörungen werden bei ihnen doppelt so häufig diagnostiziert. Sie leiden dreimal so oft unter Fettleibigkeit, haben massiv mehr Karies, rauchen eher, sind öfter von Unfallverletzungen betroffen und werden seltener geimpft und zum Arzt gebracht. Für die Schweiz gibt es keine vergleichbare Studie - obwohl auch hier über 230'000 Kinder in Working-Poor-Haushalten leben und zusammen mit Jugendlichen den grössten Anteil aller Sozialhilfeempfänger ausmachen.

Telefoniert man mit Stefan Remensberger, ist es, als würde man ein Ventil öffnen, als hätte der Kinderarzt aus Zürich lang auf die Gelegenheit gewartet, endlich einmal Dampf abzulassen. Für ihn ist es erschreckend, wie wenig Wissen, wie wenig Verantwortungsbewusstsein hinsichtlich einer gesunden Lebensweise Eltern aus unteren sozialen Schichten oft mitbringen, vor allem Migranten. Er erkläre den Eltern immer wieder, sie sollen ihren Kindern ab dem zweiten Lebensjahr nachts keinen Schoppen geben, weil der Milchzucker Karies verursache. «Die Eltern machen weiter wie bisher.» Dasselbe, wenn er ihnen sage, die Nahrung für ein Kleinkind dürfe nicht nur aus Milch und Keksen bestehen. Das führe sonst zu Eisenmangel und Blutarmut.

Bund will die Betroffenen sensibilisieren
Aufklärung der Eltern ist eine wichtige Aufgabe des Kinderarztes. Aber wenn die Eltern kaum Deutsch sprechen und deshalb kein Vertrauen zum Arzt aufbauen können, sich an ihre Traditionen klammern und Termine nicht wahrnehmen, wird Aufklärung unmöglich. «Wir erreichen die Eltern nicht, das ist häufig frustrierend.»

«Kinder aus der sozialen Unterschicht erhalten oft nur ungenügend Unterstützung von ihren Eltern», sagt Thomas Neuhaus, Chefarzt am Kinderspital in Luzern. «Deshalb gibt es unter diesen Kindern vermehrt Therapieversager.» Therapieversager sind chronisch kranke Menschen, bei denen die Therapie nicht richtig greift. Neuhaus hat häufig mit chronisch kranken Kindern zu tun, denen es besser gehen könnte - wäre da nicht die Hilflosigkeit und das Unvermögen vieler Eltern, für ihre kranken Kinder angemessen zu sorgen.

«Eigentlich übernehmen wir Kinderärzte hier eine gesellschaftliche Aufgabe, um die sich der Staat viel mehr kümmern müsste», sagt Stefan Remensberger. Rahel Gall vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) gibt ihm recht. Der Staat habe das Problem erkannt, sagt sie und verweist auf die nationale Strategie «Migration und Gesundheit», die sie stellvertretend leitet. Zielgruppe ist die ausländische Bevölkerung, übervertreten bei den Working Poor, fast doppelt so oft von Armut betroffen wie Einheimische. 2002 lancierte das BAG die Strategie. Voraussichtliches Ende: 2013. Dann sollen Broschüren zu Ernährung, Bewegung und Alkohol in 18 Sprachen übersetzt sein, «interkulturelle» Übersetzer den Ärzten beistehen, Pfleger und Krankenschwestern «transkulturell» kompetent sein und Leute aus der sozialen Unterschicht sich von Präventionsprogrammen angesprochen fühlen. Bis dann soll auch das Thema Gesundheit in Integrations- und Sprachkursen auf dem Stundenplan stehen.

Das klingt nach einem langwierigen Prozess. Zeit - genau das haben die beiden Mädchen mit den schwarzen Stummelzähnen aber nicht. Bis 2013 werden sie wohl überhaupt keine Zähne mehr haben.