Beobachter: Junge Männer müssen euch momentan ziemlich Angst machen…
Julia: Nein. Wenn man bei jedem Mann an einen potentiellen Mörder denkt, kann man nicht mehr normal leben.
Manuela: Mich stimmt das Ganze schon sehr nachdenklich. Es gibt so viele Psychos auf dieser Welt. Man glaubt es kaum. Aber es gibt auch viele gute Typen. Zum Glück.

Beobachter: Wurdet ihr selber schon von Männern bedrängt oder sexuell belästigt?
Manuela: Mich hat mal einer nachts verfolgt – mitten im Quartier, und es war noch kaum dunkel. Das ist doch verrückt. Ich bekam ­Panik, rannte davon und klingelte bei einer Freundin an der Tür. Da verschwand er.
Nadja: Als ich mit zwölf das erste Mal allein nach Zürich fuhr, setzte sich im Zug ein alter, hässlicher Mann neben mich. Dabei hatte es im Abteil viele leere Plätze. Dann verfolgte er mich. In der Stadt packte er mich plötzlich und meinte, ich solle mit ihm kommen. «Voll nöd», sagte ich. Doch er liess sich nicht abwimmeln. Da rief ich meine Eltern an. Die lotsten mich am Telefon zur Polizei. Dort beschrieb ich den Beamten den Typen. Sie suchten ihn und nahmen ihn später fest. Allerdings sah ich denselben Mann zwei Jahre später wieder im gleichen Zug.

Beobachter: Ein Erlebnis, das lange hängen bleibt.
Nadja: Ja. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich wieder nach Zürich traute.

Beobachter: Daniel H. köderte Lucie mit dem Versprechen, sie als Model zu engagieren. Wurden euch schon ähnliche Avancen gemacht?
Martina: Ich bekam solche Angebote übers Internet. Angeschrieben wurde ich dabei via die sozialen Netzwerke wie Facebook. Ich glaube aber, das sind keine gezielten An­gebote, sondern Massenmails. Diese Leute schreiben einfach mal alle Girls an und hoffen, es melde sich mal eine zurück.

Beobachter: Junge Frauen wünschen sich doch, von einem Modelscout entdeckt zu werden?
Julia: Ja, für viele Frauen in unserem Alter ist das ein Traum. Schönheit, Glamour: Das sind Themen, die unsere Generation beschäf­tigen. Aber jetzt, wo das mit Lucie passiert ist, denken wohl viele kritischer darüber.
Martina: So leid mir das tut, was mit Lucie passiert ist: Sie war auch ein bisschen naiv. Sie hätte ja nicht gleich zu ihm nach Hause gehen müssen.
Julia: Schon. Aber er hat angeblich gesagt: «Wenn du mir nicht vertraust, kannst du auch eine Kollegin mitnehmen.» In so einem Fall… In einer Blitzreaktion… Und er war eben nicht alt und hässlich.

Beobachter: Nadja, du bist selber bei einer Modelagentur ­unter Vertrag. Wie kam es dazu?
Nadja: Auch ich wurde auf der Strasse angesprochen, an einem Samstagnachmittag in Zürich von zwei jungen Männern und einer jungen Frau, einem Model.

Beobachter: Hattest du keine Bedenken, das Angebot könnte unseriös sein?
Nadja: Nein. Doch ging ich nicht gleich mit, um die ersten Fotos zu machen. Ich nahm die Visitenkarte und meldete mich später.

Beobachter: Wie hättest du reagiert, wenn du nachts an einer Party angesprochen worden wärest?
Nadja: Ich hätte höchstens das Kärtchen mitgenommen, mehr nicht. Seriöse Agenturen sind auch nie nachts unterwegs.

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Beobachter: Wärt ihr gerne Supermodels?
Daniela: Natürlich denke ich manchmal, es wäre toll, so ein Leben zu führen. Aber ich würde das nicht erzwingen. Wenn sich etwas ergibt, etwas Seriöses – warum nicht?
Julia: In der Schweiz berühmt zu sein heisst etwas anderes als in Amerika oder so. Ich habe jedenfalls keine Lust auf ein Leben als Schweizer Cervelat-Promi.

Beobachter: Wie denken eure Freunde über diese schreck­lichen Taten? Kann man mit Jungs überhaupt über solche Themen reden?
Julia: Natürlich – und es macht sie richtig aggressiv. Die meisten würden so einen Typen wie Daniel H. am liebsten verprügeln.

Beobachter: Das klingt wieder nach typisch Mann. Gewalt scheint unter Jungs ein grosses Thema zu sein.
Nadja: Ich erlebe kein Wochenende ohne Schlägerei. Meist gehts dabei um eine Frau.
Julia: Jungs lassen sich leicht provozieren. Oft reicht schon ein falscher Blick.

Beobachter: Haben sich Männer schon um euch geprügelt?
Nadja: Leider. Als Frau kannst du da nicht viel machen. Männer ziehen die Scheuklappen runter und sehen nur noch rot. Unsere Meinung interessiert dann keinen mehr.

Wie reagieren junge Frauen auf die jüngsten Gewalttaten? Julia, 17, Zürich; Martina, 18, Zürich; Daniela, 17, Jona SG; Manuela, 18, Zürich; Nadja, 18, Winterthur (von links)

Quelle: Gerry Nitsch
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Beobachter: Findest du es attraktiv, wenn sich ein Mann für dich prügelt?
Nadja: Sicher nicht. Im Gegenteil.

Beobachter: Opfer des Amokschützen Tim K. wurden vor allem Frauen. Glaubt ihr, dass das Zufall war?
Daniela: Das weiss ich nicht. Aber gut möglich, dass er sich von Frauen verarscht fühlte. Vielleicht liessen sie ihn spüren, dass er nicht der Hübscheste war.

Beobachter: Merkt ihr, dass das Thema Sexualität die Jungs in eurem Alter stark beschäftigt?
Nadja: Klar, extrem.
Julia: Es herrscht Gruppendruck. Alle prahlen mit sexuellen Erfahrungen. In Musik­videos wird ihnen vorgegaukelt, Mädchen seien immer sexy drauf und jederzeit verfüg­bar. Und doch kann man die Schuld nicht einfach nur Videos und Gewalt-Games geben. Entweder kann man Realität und Fik­tion voneinander unterscheiden oder eben nicht. Das hat etwas mit Intelligenz zu tun.

Beobachter: Ist es für euch leicht, Jungs abzuweisen?
Manuela: Nein. Viele können sehr hartnäckig sein. Und wenn man sagt, dass man nicht interessiert ist, gilt man als eingebildet…
Martina: …oder als Rassistin, vor allem bei jungen Ausländern.
Nadja: Gewisse Typen sind unglaublich respektlos. Vor allem im Ausgang. Sie glauben, uns einfach an den Hintern fassen zu dürfen.

Beobachter: Viele Frauen geizen aber auch nicht mit Reizen.
Manuela: Klar, aber sexy Kleider sind doch noch keine Einladung zum Grapschen.
Martina: Das stimmt. Aber auch ich verstehe Frauen nicht, die im Winter im Minirock herumlaufen und schlottern.
Julia: Bei uns Frauen steht die Mode im Vordergrund und nicht das Sexuelle. Männer denken da leider verkehrt herum.

Beobachter: Wie gehen eure Eltern mit den tragischen Vorfällen um? Nehmen sie euch an die kurze Leine?
Manuela: Nein, aber natürlich macht sich vor allem meine Mutter jetzt noch mehr Sorgen. Sie meint, ich solle nie allein nach Hause gehen. Aber ich bin eh immer mit Kolleginnen unterwegs. Im Notfall nehme ich ein Taxi.

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Beobachter: Ruft dich deine Mutter jeweils im Ausgang an?
Manuela: Ja. Früher sehr oft. Ich weiss natürlich, dass sie es nur gut meinte. Seit ich volljährig bin, hat sich das ein wenig geändert. Darüber bin ich eigentlich ganz froh. Ich schätze es aber sehr, dass ich Eltern habe, die sich um mich sorgen.

Beobachter: Wie schützt ihr euch konkret? Habt ihr einen Pfefferspray in der Handtasche?
Manuela: Nein. Aber ich halte manchmal das Handy in der Hand, die Nummer von zu Hause eingetippt, so dass ich nur noch auf den Knopf drücken müsste.
Daniela: Ich passe noch besser auf. Lucie hatte wohl nicht gedacht, dass ihr jemals so etwas Schreckliches passieren würde. Leider kann es jede treffen.