Heute kann sie darüber reden. Das war nicht immer so. Stella Zuber (Name geändert) sitzt am runden Esstisch, die Beine übereinandergeschlagen, ihre Arme wie zur Abwehr verschränkt. «Ich habe nichts verbrochen und stehe dazu, was geschehen ist. Punkt.» Die Fast-Fünfzigerin im ärmellosen, türkisfarbenen Top und in farbgleichen Hot Pants möchte die Vergangenheit ruhen lassen. Fünf Jahre sind seit der Tat vergangen. Fünf lange Jahre, seit ihr Ehemann vom Polizeiposten nach Hause kam und ihr mitteilte, dass ihr Sohn zusammen mit sechs anderen Jugendlichen womöglich jemanden umgebracht habe. Die Nachricht traf Stella Zuber wie ein Blitz; vor den Augen ihres Mannes brach sie zusammen. Als sie aufwachte, war nichts mehr wie zuvor.

Die Tat wurde damals in allen Medien breitgetreten, löste schweizweit Empörung aus und stand als Synonym für sinnlose Jugendgewalt. Als erste Reaktion zog sich die Mutter des damals 15-jährigen Jungen vollkommen aus dem gesellschaftlichen Leben zurück und deckte sich mit Arbeit zu. Das sei wie eine Therapie für sie gewesen, sagt Stella Zuber. Dennoch konnte sie der Realität nicht entfliehen. Wie ein Dämon schlich sich immer wieder ein ganz bestimmtes Bild, das sie in den Untersuchungsakten gesehen hatte, in ihre Gedanken: das reglos auf der Strasse liegende, blutüberströmte Opfer. «Ich trage das Bild noch heute in mir», sagt Zuber. Das Opfer, ein 40-jähriger Lehrer, wurde auf der Heimfahrt morgens um zwei vom Velo gerissen, ausgeraubt und fast totgeschlagen. Seither ist er behindert.

«Wir sind eine völlig normale Familie»
«Anfänglich gab ich den anderen Mittätern die Schuld an allem. Ich konnte nicht glauben, dass mein Sohn zu solch einer schrecklichen Tat fähig war.» Ausser mit ihrem Mann und den nächsten Angehörigen hat sie mit niemandem über die Tat gesprochen. In ihrem Freundes- und Bekanntenkreis schweigt man sich bis heute aus. Aus Rücksicht, glaubt Stella Zuber. Professionelle Hilfe hat sie nie gesucht. Ein Entscheid, den sie heute bereut. «Ich habe gedacht, dass ich diesen Schlag alleine bewältigen kann.» Hätte sie damals mehr über die Tat gesprochen, wäre ihr die Aufarbeitung sicher leichter gefallen, meint Zuber. Jetzt sei es zu spät. Zeit heile Wunden, betont sie immer wieder.

Hat sie sich selbst nie Vorwürfe gemacht? «Natürlich sucht man die Fehler bei sich selbst.» Vielleicht habe sie ihren Sohn zu sehr bemuttert. Aber sie seien eine völlig normale Familie. «Als Mutter eines damals Minderjährigen trage ich nun mal eine gewisse Verantwortung. Aber mache ich mich deswegen gleich mitschuldig?» Eine definitive Antwort hat Stella Zuber bis heute nicht gefunden.

Klar dagegen ist: Familie Zuber hat nur noch wenige Freunde. Die meisten haben sich nach und nach abgewandt. Ein Ereignis bleibt ihr in besonders schmerzlicher Erinnerung: «Im ersten Jahr nach der Tat sind wir zu einem Grillfest eingeladen worden. Als ich den Gastgebern sagte, dass unser Sohn uns begleiten würde - es war sein erster Hafturlaub -, sind wir kurzerhand wieder ausgeladen worden.» Ab diesem Zeitpunkt ging man sich im Dorf aus dem Weg. Stella Zuber fühlt sich als Opfer, wenngleich sie weiss, dass sie für die Gesellschaft lebenslänglich zur Täterseite gehören wird. Damit umzugehen sei nicht einfach.

Es beschäftigt sie auch, dass sie der Mutter des verprügelten Lehrers nie einen Blumenstrauss in die Hand drücken konnte, um ihr zu sagen, wie leid ihr alles tue und dass auch sie bloss eine Mutter sei. Was hat sie daran gehindert? Stella Zuber ist überzeugt, dass man ihre Entschuldigung nicht angenommen hätte. Sie erinnert sich noch genau an das Gerichtsverfahren. «Diese anklagenden Blicke vergesse ich nicht.» Aber natürlich verstehe sie die Reaktion der Opferfamilie. Ausserdem zeige sie ihre Gefühle nicht gern. Das war schon immer so. Stella Zuber weiss noch genau, wie verzweifelt sie war, als sie ihren Sohn nach der Verhaftung im Gefängnis besuchte. Sie habe sich ihren Schmerz nicht anmerken lassen. «Nach jedem Besuch habe ich mich vor dem Gefängnis unter einen Baum gesetzt und nur noch geweint.»

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Wütend auf den Sohn? Nein
Nicht nur seelisch hat die Tat ihres älteren Sohnes Stella Zuber zu schaffen gemacht. Auch in körperlicher Hinsicht musste die zweifache Mutter - der andere Sohn ist zwei Jahre jünger - untendurch. Sie wurde krank; mehrere Operationen folgten. «Das hatte bestimmt einen Zusammenhang», sagt sie. «Doch die Krankheit hat mich daran erinnert, dass ich ein eigenes Leben habe, auf das ich achten muss.»

Wer so etwas durchmache, verändere sich, sagt sie. «Ich bin nicht mehr so lebensfroh wie früher und gehe nicht mehr gern unter die Leute.» Wenn sie nicht arbeite, sitze sie oft allein zu Hause. Am liebsten im kleinen Garten, wo sie sich um ihre Pflanzen kümmert. «So finde ich meine Ruhe.»

Ist sie wütend auf ihren Sohn? Nein. Es bringe nichts, ihm ständig die Vergangenheit vor Augen zu halten. Seit einem Dreivierteljahr lebt er wieder unter einem Dach mit der Familie; unterdessen ist er 21. «Der Junge muss eine Chance bekommen, wieder ein normales Leben zu führen», sagt Zuber. Über die Tat reden sie nie. Ihr Sohn habe die Strafe verbüsst und hoffentlich seine Lehren daraus gezogen. «Meine grösste Sorge ist nun, dass er seine Ausbildung erfolgreich abschliesst.»

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Nicht immer trifft die Tat eines Sohnes die Familie aus heiterem Himmel, so wie es bei Zubers passiert ist: Keiner hätte je mit einer solchen Situation gerechnet. In anderen Fällen scheint sich die Tragödie anzubahnen. So erlebte es Martha Kreiner (Name geändert): Machtlos hatte die 75-Jährige zuschauen müssen, wie es mit ihrem Sohn immer mehr bergab ging, bis sie schliesslich aus der Zeitung erfuhr, dass er im Drogen- und Alkoholrausch einen Taxifahrer erstochen hatte.

Der Gesundheitszustand ihres Sohnes hatte Martha Kreiner schon lange beschäftigt. Seit Jahren hielt sie akribisch jeden Schritt ihres unter Drogeneinfluss gewaltbereiten, heute 53-jährigen Sohnes in einem Tagebuch fest. Neben ihren eigenen Gedanken finden sich dort unzählige Notizen über Gespräche, die sie mit ihm, mit Anwälten, Psychiatern, Untersuchungsrichtern und der Polizei geführt hat. Schreiben erleichtere die Seele, sagt Martha Kreiner. Dank dem Tagebuch behalte sie den Überblick.

Ihr Sohn hatte schon vor vier Jahren wegen versuchter Tötung eines Polizisten vor Gericht gestanden. Wegen Unzurechnungsfähigkeit wurde damals eine stationäre Massnahme angeordnet; rund ein Jahr später wandelte das Gericht die stationäre in eine ambulante Massnahme um, und ihr Sohn wurde bedingt entlassen. Seit er vor bald einem Jahr den Taxifahrer getötet hat, sitzt er wieder in Untersuchungshaft und wartet auf seinen Prozess.

Sie habe schon länger mit dem Schlimmsten gerechnet, sagt Kreiner. «Mein Sohn hat oft mit Selbstmord gedroht. Doch dass es so weit hat kommen müssen...» Martha Kreiner bringt den Satz nicht zu Ende, schüttelt bloss den Kopf. Sie redet viel, jedoch fast nie über sich selber. Immer wieder münden die Gedanken zu ihrem Sohn. In all den Jahren hat Martha Kreiner sein Schicksal zu ihrem Lebensinhalt gemacht. Sie möchte ihm irgendwie helfen. Es drücke ihr das Herz ab, wenn er jeweils am Ende der Besuchszeit nur entmutigt dasitze und sie mit traurigen Augen ansehe. Und sie könne nichts für ihn tun.

Das Einzige, was sich Martha Kreiner vorwirft, ist, dass es ihr nicht gelungen sei, ihrem Sohn genügend Kraft mit auf den Weg zu geben, um sich in der Gesellschaft durchzusetzen. Stattdessen Arbeitslosigkeit, Drogen- und Alkoholsucht und dann noch die gescheiterte Ehe. Er sei zwar schon immer ein Einzelgänger gewesen. Paradoxerweise bereite ihm aber ausgerechnet das Alleinsein besondere Mühe.

Er sei kein schlechter Mensch, betont sie immer wieder, er sei krank. Und er müsse jetzt lernen, ohne sie klarzukommen. Nur er? Muss nicht auch sie sich von ihrem Sohn lösen? Die zierliche ältere Dame mit dem lila schimmernden weissen Haar spielt mit ihrem Siegelring. Sie wirkt zerbrechlich. «Wir haben halt eine enge Beziehung, sind fast wie Kollegen zueinander.» Und fügt kleinlaut an, sie wisse schon, dass sie lernen müsse, vermehrt an sich selbst zu denken. Oft sitze sie stundenlang von ihren Gedanken geplagt auf dem Sofa.

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«Weshalb vergeben? Ich bin nicht Gott»

Ihre grösste Sorge sei, dass ihr Sohn eines Tages entlassen werde und sie wäre nicht mehr da. «Er hat doch sonst niemanden.» Der Gedanke daran lasse sie manchmal fast verzweifeln. «Ja, ich hadere mit meinem Schicksal», sagt sie. «Auch wenn es krass klingen mag: Ich glaube, dass es der Mutter des getöteten Opfers leichter fallen muss, mit der Situation umzugehen.» Die andere Mutter werde ihren Sohn nie wiederkriegen, deshalb sei sie gezwungen loszulassen. «Mein Sohn ist zwar am Leben. Doch zu sehen, wie sehr er leidet und sich aufgibt, das ertrage ich kaum.» So könne sie einfach nicht abschliessen.

Hat sie ihrem Sohn seine Tat denn vergeben? «Weshalb sollte ich ihm vergeben? Ich bin nicht Gott.» Ihr Sohn müsse selber einen Weg finden, wie er die Tat vor Gott rechtfertige. Er sei schliesslich kein Kind mehr. Erneut schweifen Martha Kreiners Gedanken ab. Und während sie von längst vergangenen Zeiten berichtet, als Mutter und Sohn abends bei Hackbraten oder Pizza und einem Glas Wein in ihrer kleinen Dreizimmerwohnung zusammensassen und über Gott und die Welt plauderten, beginnen Martha Kreiners Augen zu leuchten.

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