Beobachter: «Nach Grossmutterart» ist ein Gütesiegel – wieso wollen die Omas von heute ihr Image ändern?
Anette Stade: Die Rolle der Grossmutter ist tatsächlich eines der wenigen ausschliesslich positiv besetzten Frauenbilder. Aber wir wollen jetzt zeigen, dass Grossmutter sein heute nicht mehr der einzige Lebensinhalt ist.

Beobachter: Wer sind denn die neuen Grossmütter überhaupt?
Stade: Es ist die Generation der alt 68erinnen – Frauen, die es gewohnt sind, sich politisch zu engagieren und unterschiedliche Rollen zu leben: die Mutter, die Berufstätige, die Kulturinteressierte…

Beobachter: Warum bezeichnen sie sich als Grossmütter, wenn sie das nicht als identitätsstiftende Funktion verstehen?
Stade: Die Geburt der Enkel hat immer noch eine enorme Bedeutung für viele Frauen. Grossmutter zu sein erfüllt sie mit Stolz. Auf der anderen Seite haben sie viele andere Interessen und Verpflichtungen, weil sie noch berufstätig sind, reisen oder Sport treiben. Die Frauen sind schon noch Grosis – aber nicht mehr nur.

Beobachter: Ende März trafen sich 55 Grossmütter zu einer Zukunftskonferenz, um gemeinsam Ziele für die Bewegung zu entwickeln…
Stade: Die Frauen wollen zum Beispiel eine Internetplattform aufbauen, wo sie sich vernetzen und ihre verschiedenen Lebensthemen vorstellen können. Dann wurden auch politische Forderungen diskutiert, etwa nach Steuererleichterung: Grossmütter leisten einen grossen gesellschaftlichen Beitrag, der kaum je öffentlich honoriert wird. Deshalb wurde auch ein Grossmutterstreiktag angedacht.

Anzeige

Beobachter: Streik? Früher war Grosi immer da, wenn man sie brauchte.
Stade: In Notfällen ist Grosi immer noch da. Aber die Gesellschaft muss lernen, dass das heute nicht mehr selbstverständlich ist. Verglichen mit der letzten Generation, haben Grossmütter von heute noch viel mehr Lebenslust und eigene Pläne, die sie verwirklichen wollen.

Beobachter: Werden Enkel künftig also ohne Omas Weihnachtsguetsli und Wollsocken aufwachsen?
Stade: Nein, wenn sie Lust hat, strickt und bäckt sie immer noch. Aber Oma ist heute eine vielbeschäftigte Frau, und vielleicht hat sie einfach mal keine Zeit.

www.grossmuetterrevolution.ch
www.wildundweise.ch - Regionalgruppe Region Nordwestschweiz