«Meine Eltern haben wohl mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass ich schwul sein könnte», sagt der 20-jährige Marco. Bei seinen Kollegen outete er sich lange zuvor, und diese nahmen seine sexuelle Orientierung gelassen zur Kenntnis: «Wenn bei homosexuellen TV-Moderatoren, lesbischen Politikerinnen oder schwulen Sängern kein Hahn mehr kräht, ist es auch bei Marco Marnrecaj aus dem Emmental nichts Besonderes», sagt der gelernte Koch selbstbewusst.

Wichtig ist, dass das Kind glücklich ist
Marnrecajs Eltern sahen dies anfänglich nicht so locker. Wie viele andere Eltern brauchten sie einige Zeit, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ihr Sohn Männer liebt. «Die Eltern erfahren oft als Letzte, dass ihre Kinder homosexuell sind», sagt Hanna Keller vom Verein FELS (siehe «Weitere Infos»), dem sich nahezu 500 Eltern von Schwulen und Lesben angeschlossen haben.

Auch sie und ihr Mann Walter brachen nicht in Freudentaumel aus, als ihre Tochter eines Tages ins Wohnzimmer platzte und ihnen die neue Freundin vorstellte: «Die Welt brach für uns nicht zusammen, doch wir mussten uns Zeit nehmen, um uns an diesen Gedanken zu gewöhnen», sagt Hanna Keller. Und ihr Mann ergänzt: «Wir waren dankbar für das Vertrauen, das uns unsere Tochter entgegengebracht hat.»

Heute ist es für die Eltern wichtig, dass die Tochter glücklich ist – mit wem, spielt keine Rolle. Es ist längst eine Selbstverständlichkeit, dass die Freundin als Schwiegertochter angesehen wird und an Familienfeiern dabei ist. Es sei falsch, so Keller, die Neigung der Kinder vor den Verwandten zu verstecken, «denn das ist Energieverschwendung».

Literatur über Homosexualität hilfreich
Völlig unnötig sei es, sich zu fragen, was man denn wohl verkehrt gemacht haben könnte in der Erziehung, denn «sexuelle Orientierung und sexuelle Identität folgt eigenen Gesetzen, bei denen angeborene Eigenschaften und nicht die Erziehung eine Rolle spielen», weiss das Ehepaar. Hilfreich sei, sich in Büchern und Gesprächen mit anderen Eltern über Homosexualität zu informieren, um so zu lernen, offen über die Lebensweise der Kinder sprechen zu können. Keller: «Nur wenn man sich auch als Eltern outet, fühlt man sich selbstbewusst und stark.»

«Kinder können nicht nur auf ihre sexuelle Neigung reduziert werden», sagt Hanna Keller. «Ob schwul, lesbisch oder heterosexuell, sie bleiben die gleichen Kinder, die sie vor dem Coming-out waren – nur selbstbewusster.»

Weitere Infos

Der Verein FELS richtet sich an Freundinnen, Freunde und Eltern von Lesben und Schwulen. Austausch, Broschüren, Beratung und Unterstützung finden Sie hier: Verein FELS, www.fels-eltern.ch