Seit ihrer Kindheit lebte die Autistin Judith K. bei Pflegemutter Heidi Frei. 30 Jahre lang. Dann wird sie durch Amtsvormund Claudio Schmid und auf Antrag des St. Galler Amts für Soziales 2008 aus der Familie gerissen und ins Heim «Säntisblick» in Degersheim SG gesteckt (siehe Artikel zum Thema) – gegen den Willen von Judith K., die seither verzweifelte Briefe aus dem Heim schreibt. Vormund Schmid behauptet, sein Mündel sei «handlungs- und urteilsunfähig», die Einweisung nur zu ihrem Schutz erfolgt. Der Pflegemutter hat er den Kontakt mit K. untersagt, Briefe werden von den Angestellten des Heims gelesen und Telefonate mitgehört.

Dass die 41-jährige Judith K. nicht selber urteilen könne, dem widerspricht neben den Familienangehörigen nun auch ihr früherer Psychotherapeut, der sie bereits als Neunjährige in einem Heim für geistig behinderte Kinder kennenlernte. «Mir war von Anfang an klar, dass sie nicht geistig behindert ist», sagt Paul Scheidegger, der Judith K. zwei Jahre lang behandelte. Sie sei «absolut beziehungs- und handlungsfähig». Es sei sehr schwierig gewesen, einen geeigneten Ort für das Mädchen zu finden. «So war die Grossfamilie Frei ein Glücksfall.» Über das Vorgehen Schmids ist Scheidegger «entsetzt». Er nennt es «ein Vergehen gegen die Menschlichkeit, das wiedergutgemacht werden muss».

Auch eine Pflegeschwester der autistischen Frau ist entsetzt, seit sie Judith K. im September seit langem wieder einmal gesehen hat. «Sie wirkt apathisch und starrt oft ins Leere.» Früher habe sie immer präsent gewirkt, wenn jemand mit ihr sprach. Auch habe sie jetzt einen hochroten Kopf gehabt, stark an Gewicht zugenommen und einen leidenden Eindruck gemacht.

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«Sie stand offensichtlich unter hochdosierter Medikamentation.» Dies, obwohl Judith K. in Briefen immer wieder betonte, sie wolle keine Medikamente – die sie früher auch nie gebraucht habe. Es gibt nämlich gegen Autismus gar keine Pillen.

«Liegt in der Natur der Sache»

Dem Beobachter antwortet das Heim dazu: «Dass einzelne Bewohnerinnen und Bewohner die Verschreibung und damit die Abgabe von Medikamenten nicht auf Anhieb verstehen, liegt in der Natur der Sache.» Und ein Kontaktverbot werde «nicht leichtfertig verhängt».

Von der St. Galler Behörde, die solche Heime beaufsichtigen muss, wollte der Beobachter wissen, ob ihr bekannt sei, dass Judith K. gegen ihren Willen im Heim sei und gegen ihren Willen Medikamente verabreicht bekomme. Diese Fragen beantwortete das Amt für Soziales aber nicht – man sei nicht zuständig. Nun übernimmt die Departementschefin, SP-Regierungsrätin Kathrin Hilber, den Fall persönlich und trifft sich noch im November zu einer Aussprache mit den involvierten Behörden. Eine Pflegeschwester hat angeboten, Judith K. bei sich aufzunehmen.

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