Ohne mit der ganzen Familie gesprochen zu haben, kann ich natürlich keine präzise Diagnose stellen. Ihre Vermutung könnte aber zutreffen. Das Bauchweh kann ein neurotisches Symptom sein und von Spannungen zwischen den Eltern herrühren. Dem Kind könnte eine Einzelspieltherapie helfen; der ideale Weg wäre jedoch eine Familientherapie.

In den Anfängen der Psychotherapie konzentrierten sich die Helfer auf die leidende Einzelperson, die Erlebens- oder Verhaltensstörungen zeigte oder unter psychosomatischen Symptomen litt. Weil man damit vor allem bei schizophrenen Menschen an Grenzen stiess, begann man in den siebziger Jahren, die ganze Familie als Ursache für die Störung ins Auge zu fassen. Folgerichtig wurden alle Familienmitglieder zu therapeutischen Sitzungen eingeladen.

Die Stabilität der Familie ist wichtig fürs Wohlbefinden
Basis solcher Behandlungen ist die so genannte Systemtheorie, die sich auch auf Gruppen, Unternehmen und sogar die gesamte Gesellschaft anwenden lässt. Diese Theorie geht davon aus, dass funktionierende Gebilde in der Regel aus vielen unterschiedlichen Elementen bestehen, die voneinander abhängig sind und sich gegenseitig beeinflussen – mit dem Ziel, dass das System stabil ist und möglichst reibungslos funktioniert.

Genau dies gilt auch für die Familie. Sie soll über eine längere Zeit zusammenhalten, das Wohlbefinden aller Mitglieder fördern und eine optimale Entwicklung der Kinder ermöglichen. Durch innere oder äussere Probleme kann das System jedoch aus dem Gleichgewicht geraten. Paradoxerweise funktioniert es allerdings selbst dann noch, wenn ein Familienmitglied seelisch oder körperlich krank wird: Im Fall Ihrer Enkelin müssen sich die Eltern nicht mit ihren Eheproblemen auseinander setzen, weil sich das Kind unbewusst opfert, um die Familie zusammenzuhalten.

Eine systemische Familientherapie kann den Eltern die Augen öffnen und ihnen helfen, wieder konstruktiver miteinander umzugehen, und so das Kind entlasten: Seine Krankheitssymptome wie etwa das Bauchweh können sich auflösen. Besonders hartnäckige Leiden wie zum Beispiel Magersucht in der Pubertät scheinen überhaupt erst auf diesem Weg wirksam behandelt werden zu können.

Der systemische Ansatz lässt sich auch ganz allgemein und von jedermann anwenden: Es tut uns allen gut, von Zeit zu Zeit einige Schritte zurückzutreten und unser Umfeld und dessen Funktionieren aus der Distanz zu betrachten. Das kann vor allem erstaunliche Effekte haben bei Problemen, in die wir «heillos verstrickt» zu sein glauben.

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