Konflikt ist nicht gleichbedeutend mit Gewalt. Vielmehr sind gewaltlose Konfliktlösungen anzustreben. Konflikte sind - ganz anders als Gewalt - ein normaler Bestandteil des Lebens. Weil Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben, weil die Ressourcen knapp sind, weil individuelle Entfaltung und Integration in eine Gemeinschaft einander widersprechen, sind Konflikte an der Tagesordnung.

Die Wissenschaft sieht darin sogar positive Aspekte: Konflikte seien das Salz in einer Beziehung und hätten nicht zuletzt auch einen gewissen Unterhaltungswert, schreibt etwa der Konfliktforscher Georg Becker. Konflikte dienten zudem der Persönlichkeitsentwicklung und Identitätsfindung. Diese letzten beiden Aspekte dürften auch der Grund sein, wieso sich Ihre Tochter mehr Auseinandersetzungen wünscht. Gerade im Jugendalter geht es ja um die Selbstfindung.

Natürlich können Sie nicht aus Ihrer Haut. Aber Sie könnten tatsächlich versuchen, etwas konfliktfreudiger zu werden. So gehören zum Beispiel folgende Eigenschaften zur Konfliktfähigkeit:

  • ein gesundes Selbstbewusstsein
  • sich und seine Reaktionen zu kennen
  • Einfühlungsvermögen und Verständnis
  • fähig zu bleiben, die Situation «von aussen» zu sehen
  • die Dinge beim Namen zu nennen
  • Kreativität bei Konfliktlösungen
  • geistige und emotionale Beweglichkeit
  • Standfestigkeit

Von der Flucht bis zum Kompromiss
Der deutsche Konfliktforscher Gerhard Schwarz hat verschiedene Niveaus der Konfliktlösung beschrieben: Die primitivste Lösung besteht darin, bei einem Konflikt entweder zu fliehen oder den Gegner zu töten. Auf der zweiten Stufe unterwirft sich der Schwächere dem Starken, wodurch soziale Gefüge möglich werden. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, dass sich die Konfliktparteien dem Schiedsgericht einer mächtigeren Person oder Instanz unterstellen. Die reifste Form ist jedoch das Aushandeln von Kompromissen oder gar Lösungen, die für beide Seiten einen Gewinn bedeuten.

Man kann dieses Modell als Abbild von Reifungsstufen in der Evolution der menschlichen Kultur sehen. Umgekehrt ist aber stets auch ein Rückfall auf frühere Stufen möglich: So kommt es im schlimmsten Fall - etwa unter Stress und eventuell Alkoholeinfluss - tatsächlich zur Tötung eines Gegners. Häufiger sind Flucht oder Ausweichen. Im Konflikt mit Vorgesetzten wiederum müssen wir oft nachgeben, und wenn wir einen Konflikt nicht allein lösen können, suchen wir mit der anderen Partei vielleicht einen Richter oder Mediator auf.

Natürlich wäre es ideal, wir könnten jeden Konflikt kreativ und kooperativ lösen, indem wir gemeinsam neue Win-win-Strategien entwickeln. Diese Erwartung ist aber unrealistisch. Manchmal müssen wir schmerzhafte Kompromisse eingehen, manchmal nachgeben oder uns anpassen. Und manchmal müssen wir uns eben auch aggressiv durchsetzen.

Buchtipp
Gerhard Schwarz: «Konfliktmanagement. Konflikte erkennen, analysieren, lösen»; Gabler-Verlag, 2005, 400 Seiten, 93 Franken