Monika F.: «Meine Mutter gibt sich oft für zehn Jahre jünger aus. Spuren von Schönheitsoperationen erklärt sie mit Unfällen oder sagt, man habe sie gewürgt. Mir ist Ehrlichkeit sehr wichtig. Soll ich meine Mutter mit den Lügen konfrontieren, oder ist sie zu alt, sich zu ändern? Ich würde ihr gern wieder vertrauen können.»

Dass Sie die zum Teil sehr phantasievollen Verfälschungen der Wahrheit irritieren, kann ich gut verstehen. Ich bewerte die von Ihnen erwähnten Beispiele allerdings nicht so negativ, wie Sie es tun. Sie sind weder böswillig noch schädigend, und ich würde hier eher von Schwindeln als von Lügen reden. Eigentlich geht es ja nur um ein Zudecken von Tatsachen, deretwegen Ihre Mutter fürchtet, sie würde von andern abgelehnt, verurteilt oder belächelt. Sie ist eben nicht so selbstsicher wie Sie und versucht, sich mit ihren Phantasiegeschichten zu schützen.

Ich würde sie deshalb nicht mit der Wahrheit beschämen. Es ist ja als Tochter auch nicht Ihre Rolle, die Mutter noch zu erziehen. Wenn Sie aber wieder mit einer offensichtlichen Unwahrheit abgespeist werden, sollten Sie unbedingt sagen, dass es Sie kränke, wenn man nicht ehrlich zu Ihnen sei. Kein Vorwurf also, sondern die Bekanntgabe Ihrer Gefühle.

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Über Lügen und Ehrlichkeit ist in der menschlichen Kulturgeschichte schon viel nachgedacht und auch geforscht worden. Der Sozialpsychologe Aldert Vrij von der Uni Portsmouth etwa hat mit einer Untersuchung festgestellt, dass ein Mensch in unseren Breiten durchschnittlich zweimal pro Tag lügt, aber in 80 Prozent der Fälle sind es Lügen der unschuldigen Art: Ausreden und Beschönigungen, um ein Anecken zu vermeiden oder besser dazustehen.

Auch der Literaturwissenschaftler Peter von Matt findet, dass lügen einfach zum Leben gehört. Er hat ein Buch über Lüge, Täuschung und Intrige in der Literatur verfasst, mit Beispielen vom Trojanischen Pferd bis zum Wolf im Märchen, und kommt zum Schluss: «Wer nicht lügt, hat nicht wirklich gelebt.» Für den Philosophen Immanuel Kant (1724–1804) ist es dagegen «ein unbedingtes Vernunftgebot, in allen Erklärungen wahrhaft (ehrlich) zu sein. Die Lüge ist der eigentliche Fleck in der menschlichen Natur.» Der Kirchenvater Augustinus (354–430) warnte sogar: «Die Sprache als Täuschung zu gebrauchen ist Sünde!»

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Wer einmal lügt…

Obwohl wir nicht mehr in diesen Kategorien denken, werten auch wir Lügenhaftigkeit in der Regel negativ. Das ist nicht nur eine Frage der Moral oder der Ethik, sondern hat einen ganz pragmatischen Sinn. Der Volksmund weiss es: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht. In der Tat ist lügen unsozial. Es leuchtet ein, dass das Zusammenleben in der Partnerschaft, in der Familie, in Gruppen und in der Gesellschaft nur gut funktioniert, wenn wir einander vertrauen können. Wieso wird denn überhaupt gelogen? In der Regel aus Schwäche. Weil wir Konflikte vermeiden wollen, weil wir Verachtung oder Ablehnung fürchten, weil wir einer Übermacht nicht gewachsen sind. Wer lügt, kann sich der Herrschaft und der Kontrolle entziehen, was manchmal, zum Beispiel in einem totalitären Staat oder als Kind gewalttätiger Eltern, durchaus sinnvoll ist.

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Stolz wird man allerdings aufs Lügen nie sein können. Wer dagegen die Kraft hat, so oft wie möglich andern – und nicht zuletzt auch sich selbst – gegenüber ehrlich zu sein, tut damit auch etwas für seine seelische Gesundheit. Lügen macht nämlich innerlich unsicher und schwächt das Selbstbewusstsein, was erneutes Lügen nach sich zieht.

Buchtipp

Peter von Matt: «Die Intrige. Theorie und Praxis der Hinterlist»; dtv, 2008, 496 Seiten, Fr. 22.90