Sicher. Aber nicht indem Sie das Mädchen drängen, in der Vergangenheit herumzustochern. Versuchen Sie eine verständnisvolle, sichere Basis zu schaffen und gehen Sie auf die Themen ein, die das Mädchen selber anschneidet. «Die beste Medizin für den Menschen ist der Mensch, die höchste Arznei ist die Liebe», schrieb der Arzt und Philosoph Paracelsus (1493–1541). Und das gilt heute noch: Sie können darauf vertrauen, dass Ihre warmherzige Zuwendung bereits heilend wirkt.

Aber möglicherweise muss das Mädchen gar nicht von traumatischen Erfahrungen geheilt werden. Vielleicht wurde es gar nie wirklich verletzt. Denn man hat festgestellt, dass Kinder – und auch Erwachsene – unterschiedlich auf seelische und soziale Belastungen reagieren. Die einen erleben einen Zusammenbruch und erholen sich wieder, andere bleiben chronisch leidend, und einige halten dem Druck ohne Symptome stand.

Man nennt diese Widerstandskraft in der Fachsprache «Resilienz». Der Begriff leitet sich vom englischen «resilience» ab und kommt aus der Physik: Er bezieht sich auf Eigenschaften von Materialien und bedeutet Elastizität und Unverwüstlichkeit. Gemeint ist natürlich eine seelische Widerstandsfähigkeit, die Fähigkeit, den Wechselfällen des Lebens zu trotzen. Die Kraft, sich von schwierigen Situationen nicht unterkriegen zu lassen, nicht daran zu zerbrechen.

Seelische Schutzfaktoren stärken

Während sich Sigmund Freud vor 100 Jahren vor allem mit der Psychopathologie, also den seelischen Störungen, befasst hat, interessiert sich die Forschung heute stärker für das Gesunde, für die Ressourcen eines Menschen. Ausgelöst hat die Resilienzforschung 1971 die US-amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy E. Werner. In einer Studie an 700 Kindern auf der Hawaii-Insel Kauai entdeckte sie, dass sich ein Drittel der Kinder trotz belastenden Umständen – vor allem Armut und ihren Folgen – wider Erwarten positiv entwickelte und ein glückliches Erwachsenenleben führen konnte. In der Folge begannen sich die Forscher für sogenannte Schutzfaktoren zu interessieren: Wer resilient ist, verfügt über eine gewisse Problemlösefähigkeit, das Gefühl, etwas bewirken zu können, ein positives und realitätsnahes Bild von sich selbst, die Fähigkeit, seine Gefühle zu kontrollieren, die Bereitschaft, wenn nötig Hilfe zu suchen, und eine zuversichtliche Lebenseinstellung.

Resilienz ist aber kein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal. Sie entsteht im Zusammenspiel von Anlage und Umwelt, in der Auseinandersetzung des Kindes mit seiner Umgebung. Eltern, Pflegepersonen und Lehrer können Einfluss nehmen und die Resilienz von Kindern stärken. Resilienz wird gefördert, wenn

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  • eine enge, stabile emotionale Beziehung zu mindestens einem Elternteil oder einer Pflegeperson besteht;

  • wenn das Selbstwertgefühl gestärkt wird, indem man es die Erfahrung machen lässt, dass es etwas kann;

  • wenn die Erziehungspersonen ein gutes Vorbild bei der erfolgreichen Bewältigung von Schwierigkeiten und Konflikten abgeben.


Buchtipp
Robert Brooks, Sam Goldstein: «Das Resilienz-Buch. Wie Eltern ihre Kinder fürs Leben stärken»; Klett-Cotta, 2007, 376 Seiten, Fr. 35.90