Die Asche der Mutter steht in einer Ecke der kleinen Küche. Hinter der Urne ein gerahmtes Foto – Carla Herman (Namen der betroffenen Personen geändert) mit Baskenmütze auf den blonden Haaren, sie lacht in die Kamera.

Wir schreiben das Jahr 2013. Richard Herman, 42, rückt seinen Stuhl auf dem roten Klinkerboden zurecht, seine Söhne Frank, 17, und die Zwillinge Martin und Johan, 16, setzen sich auf die Eckbank. «Die Küche war ihr Lieblingsort», erzählt der Vater, «Carla war am liebsten hier und trank Milchkaffee.» Er lächelt. «Das war schon so, als wir uns kennenlernten.» Damals vor 19 Jahren in einem Boot auf dem wunderschönen Atitlán-See in Guatemala, Zentralamerika. «Immer mussten wir Kaffeepausen einlegen.» Er wischt sich eine Träne aus dem bärtigen Gesicht.

Carla wollte verbrannt werden und nicht begraben. Und sie wollte, dass die Asche im Garten bei der grossen Birke verstreut wird. «Das werden wir noch tun», sagt Richard Herman. Irgendwann. Der Betriebsökonom erzählt seine Liebes- und Leidensgeschichte, immer wieder unterbrochen von Weinkrämpfen. Es ist erst sechs Monate her, dass seine Frau starb.

Der älteste Sohn Frank sagt: «Mama war spontan, offen und liebenswert. Wir hatten es lustig zusammen, haben viel gelacht.» Carla sei schüchtern gewesen, ein ruhiger, häuslicher, spiritueller Mensch, sagt der Vater. Überall hängen Engel im Haus, die sie gesammelt hat.

«Wenn ich heimkomme, ist da Leere»

Richard Herman ist ein grosser, kräftiger und wortgewaltiger Mann, er spricht gut Deutsch, mit starkem englischem Einschlag. Er stammt aus Australien, wegen Carla ist er damals ins Dorf im Berner Oberland gezogen, sie war schwanger. Als die ­Söhne klein waren, blieb Richard zu Hause, Carla arbeitete als Krankenschwester, Nacht­wache. Dann fand er einen guten Job in der Informatikbranche, und sie wechselten die Rollen: Er arbeitete voll, sie blieb bei den Buben.

Frank sagt: «Mit Mama konnte man so gut reden. Das vermisse ich am meisten.» Martin sagt: «Wenn ich heimkomme, ist da diese Leere. Früher war Mama immer da.» Er schluchzt. Frank ist im ersten Lehrjahr, die Zwillinge gehen noch zur Schule. Johan muss ins Fussballtraining, Martin redet auch für ihn. «Wir sind uns sehr nah.» Eineiige Zwillinge.

Vor zwei Jahren erkrankte Carla, sie hatte starke Kopfschmerzen und musste dauernd erbrechen. Und dazu ihr Husten, sie rauchte täglich ein Päckchen Zigaretten.

Im April 2011 stellen die Ärzte einen Hirntumor fest, gross wie ein Golfball. ­Sofort wird operiert, es folgen Bestrahlung und Chemotherapie. Carla darf zwischendurch immer wieder nach Hause, aber ein Pilzbefall der Lunge, ein schlimmer Infekt, kostet sie fast das Leben. Sie ist sehr geschwächt. Die Ärzte sagen, die Lunge könne man nicht operieren. Es steht mittlerweile fest, dass ein Tumor in der Lunge der Auslöser des Krebses ist, der Hirntumor war nur ein Ableger.

Abweisende Buben

Carla und Richard reden von Anfang an mit den Söhnen über die Krankheit, auch über den Ernst der Lage. Aber die Buben gehen nicht gross darauf ein, sie sind mitten in der Pubertät, reagieren abweisend. «Das hat mich sehr belastet», sagt Richard Herman. Immer wieder habe er versucht, den Jungen zu sagen, sie sollten die Zeit nutzen, die sie mit der Mutter noch hätten.

Im Berner Inselspital fühlten sich die Hermans schlecht betreut, es sei «alles so technokratisch und menschlich wenig ­hilfreich» gewesen, sagt Richard Herman. Durch die Hirnoperation war Carla lang­samer geworden, sie hörte nicht mehr gut, brauchte viel Unterstützung. «Sie hat sich sehr verändert, ist eine andere Person geworden», sagt Richard Herman. Sie ertrug den Lärm der Kinder schlecht, war aggressiv und beschimpfte ihre Nächsten manchmal aufs gröbste.

Eine Chemotherapie nach der anderen

Richards Rückenschmerzen werden in dieser Zeit immer schlimmer, er kann oft kaum noch stehen oder gehen. Nur Schwimmen hilft. Wenn er seiner Frau sagt, er müsse kurz ins Hallenbad, wird sie böse, klagt, er nehme sich zu wenig Zeit für sie, er wolle nur ablenken, seine Schmerzen seien doch nichts gegen ihre. Nach ­ihrem Tod stellen die Ärzte bei ihm einen Nierenstein fest.

Frank sagt: «Die ersten Monate war ich nur wütend. Wütend aufs Mami, auf ihr Rauchen. Sie war doch selber schuld, dass sie Lungenkrebs hatte.» Er konnte kaum noch schlafen, «es war so stressig». Er habe plötzlich alles machen müssen, waschen, kochen, für die kleinen Brüder sorgen. ­Richard sagt: «Ich habe gar nicht gemerkt, wie ihn alles überfordert hat. Ich war selber so in der Mühle drinnen: für Carla sorgen, arbeiten, die Kinder betreuen.» Martin weint und sagt: «Ich hatte solche Angst um Mama.»

Carla wechselt ins kleinere Lindenhofspital. Der Krebsspezialist dort sei «ein wunderbarer Arzt» gewesen, sagt Richard Herman. Er lud die Kinder ins Spital ein, erklärte ihnen alles rund um Krebs. Er sagte, dass das Rauchen allein nicht der Aus­löser war, dass Krebs auch genetisch bedingt sein kann, dass es viele Arten gibt und man bis heute nicht weiss, was ihn auslöst. Er sagte auch deutlich, dass es sein könne, dass die Mutter die Behandlung nicht überleben werde. Dem Arzt hörten die Buben zu.

Martin sagt: «Ich war so traurig, aber ­irgendwie dachte ich auch, dass das nicht stimmt.» Frank sagt: «Der Gedanke, dass sie sterben könnte, war immer da. Aber ich habe das mit mir selber abgemacht.» Er ­habe viel mit Freunden geredet, die Mutter seines besten Freundes sei eine gute Stütze gewesen: «Immer noch.»

Die Chemotherapien folgen aufeinander, manchmal geht es Carla wieder besser, sie stabilisiert sich, um dann wieder abzutauchen. Ihre linke Gesichtshälfte ist gelähmt, sie traut sich kaum noch unter Leute, weil sie dauernd angestarrt wird. «Das war schrecklich für sie», sagt Richard. Carla wird immer dünner, sie isst kaum.

Die Krebsliga betreut die Familie

Auf Anraten des Krebsspezialisten wird die Familie ab Frühling 2012 von einer Fachperson der Krebsliga betreut. Regula ­Gautschi von der Bernischen Krebsliga ­besucht die Familie öfter und redet auch allein mit den Kindern, vermittelt zwischen Eltern und Kindern und zwischen Carla und Richard.

Martin sagt: «Es war gut, dass sie zu uns kam. Sie war neutral und hat uns zu­gehört.» Frank sagt: «Sie hat versucht, Lösungen zu finden. Das hat uns allen geholfen.» So habe er sich morgens oft nicht von der Mutter verabschiedet, weil er dachte, sie schlafe. Die Mutter empfand das als ­Ablehnung. Nach dem Gespräch mit Frau Gautschi habe er der Mutter immer ein «Müntschi» gegeben, bevor er ging. «Das war gut.» Auch die letzten gemeinsamen Ferien der Zwillinge mit den Eltern gehen auf Regula Gautschis Anregung zurück. «Manchmal ist der Blick von aussen auf die Situation in einer Familie einfacher. Man merkt schneller, wer was braucht», sagt sie.

Carla sei sehr schwach gewesen. Dennoch mietete sich die Familie einen Camper und fuhr mit den Zwillingen nach Ita­lien, erzählt Richard Herman. «Mama sass oft einfach nur vor dem Wohnmobil und starrte vor sich hin. Sie war böse, weil Fremde sie oft doof anguckten», sagt Martin. Er habe nicht gewusst, wie er ihr hätte helfen können.

Richard Hermans Lebensmotto lautet: Den Tag greifen und das Beste daraus machen. Er riet den Kindern, der Mutter zu geben, was sie konnten. «Ich habe vielleicht eine eingebaute rosa Brille», sagt er. Er habe nicht wahrhaben wollen, wie stark sich Carla verändert hatte. Er versuchte, es nicht persönlich zu nehmen, wenn sie ihn beschimpfte. «Ich war ihre nächste Angriffsfläche, wenn sie in Selbstmitleid versank und mit ihrem Schicksal haderte.» Vor allem für die Kinder sei das äusserst schwierig gewesen.

In den Herbstferien, sechs Wochen vor ihrem Tod, fährt Richard mit Carla nochmals in die Berge. «Sie liebte die Alpen.» In der «Pouletburg» in Attinghausen UR, seit Kindheitstagen Carlas Lieblingsrestaurant, essen sie auf der Hin- und Rückreise ein Güggeli. «Carla ass ein halbes Poulet – obwohl sie eigentlich gar nichts mehr essen konnte. Wahnsinn.» Richard versinkt in ­Erinnerungen.

Einige Wochen vor dem Tod seiner Frau sei er nach der Arbeit nach Hause gekommen und habe gesehen, wie Frank seine Mutter küsste und umarmte: «Das tat mir gut – ich spürte, wie sehr sie es genoss.» Und dass Frank dazu in der Lage war; nach den Monaten der Wut hatte er zurückgefunden zur Mutter.

Die Söhne verabschieden sich einzeln

Als Carla im Sterben liegt, verabschieden sich die drei Söhne einzeln von ihr. «Wir haben jeder etwa zehn Minuten mit ihr ­geredet», sagt Frank. «Das war gut, obwohl sie nicht mehr antworten konnte.» Richard fährt die Kinder nach Hause, danach will er nochmals ins Spital, zu Carla. Sie stirbt während dieser Stunde.

An der Trauerfeier sagt Richard: «Als meine Carla krank geworden ist, habe ich entschieden, alle Liebe in mir zu geben, nichts zurückzuerwarten, jeden Tag zu geniessen und das zu schätzen, was wir hatten. Natürlich gelang es nicht immer. Aber was zurückkam, war viel grösser und stärker als jedes andere Gefühl, das ich kenne. Ich weiss jetzt, dass Liebe Gott ist und Gott Liebe ist. Und Carla, du bist ein Engel. Danke, dass du bei uns warst.»