Ein Heimbewohner in Genf kostet fast doppelt so viel wie einer in Glarus: 387 Franken pro Beherbergungstag in Genf, 195 Franken sind es im Kanton Glarus. Aufs Jahr gerechnet, sind das 70'000 Franken mehr – pro Heimbewohner. Die neusten Zahlen des Bundesamts für Gesundheit für das Jahr 2012 zeigen Kostenunterschiede, die selbst für die föderalismuserprobte Schweiz erstaunlich sind.

Auch die Qualität der Pflege, gemessen am Anteil des diplomierten Pflegepersonals, klafft je nach Standort weit auseinander. Das Bundesamt für Gesundheit kommt beispielsweise zum Ergebnis, dass es im Kanton Genf pro Anzahl Pflegetage doppelt so viel Fachpersonal gibt wie im Kanton Glarus.

Die Pflege wird immer teurer

Bei solchen Differenzen reibt man sich die Augen, wurde doch mit der Einführung der neuen Pflegefinanzierung auf Anfang 2012 eine gesamtschweizerisch einheitliche Lösung versprochen.

Doch einheitlich geregelt sind nur zwei Bereiche: Für die Pflege gemäss Kran­ken­versicherungs­gesetz werden Heim­bewoh­ner mit maximal Fr. 21.60 pro Tag belastet, und der Beitrag der Krankenkassen wurde auf 108 Franken begrenzt. Weil das nur für Betroffene mit wenig Pflegeaufwand reicht, fallen sogenannte Restkosten von landesweit bereits über einer Milliarde Franken an, die von den Steuerzahlern getragen werden müssen. Und weil den zuständigen Kantonen und Gemeinden die pflege­bedürftigen Alten unterschiedlich viel wert sind, gibt es die krassen Unterschiede bei den Kosten und beim Fachpersonal.

Anzeige

Die Datensammler des Bundesamts für Gesundheit bleiben bei der Interpretation der Kennzahlen unverbindlich. «Möglicherweise können die Unterschiede bei den Beherbergungskosten und beim Pflegepersonal mit dem unterschiedlichen Pflegebedarf je nach Heim und Kanton erklärt werden», heisst es auf Anfrage.

Keine Freude an Kantonsvergleichen hat Dominik Lehmann, Kommunikationsleiter beim Heimverband Curaviva Schweiz. Er kritisiert: «Es werden Daten miteinander verglichen, die nicht wirklich vergleichbar sind.» Dass ein Beherbergungstag in Genf doppelt so teuer wie in Glarus ist, lasse sich durch die höheren Anlage- und Lohnkosten und die fast doppelt so hohe Pflegeintensität pro Bewohnerplatz erklären. Genfer Senioren seien beim Heimeintritt fast zwei Jahre älter als Glarner. Dazu komme, dass im kantonal geregelten Gesundheitswesen unterschiedliche Rahmenbedingungen herrschten.

Anzeige

Jura leistet sich doppelt so viel Personal

Doch erklärt das tatsächlich die krassen Unterschiede? Der Vergleich zweier Landkantone wie Glarus und Jura lässt Zweifel aufkommen. Glarner und Jurassier sind beim Heimeintritt mit 81,7 und 81,9 Jahren fast gleich alt und bleiben mit 1137 respektive 1022 Tagen auch fast gleich lang dort. Der Jura aber leistet sich mehr als doppelt so viel Fachpersonal und 75 Franken mehr Beherbergungskosten pro Tag. Wer von wie viel qualifiziertem Personal gepflegt wird, hängt vom Kanton und von den Gemeinden ab – von denen also, die die Restkosten ganz oder teilweise tragen müssen. Das wiederum führt dazu, dass sich einzelne Gemeinden bereits überlegen, das Angebot an Pflegeplätzen zu verknappen.

Derlei Entwicklungen befeuern die ­politische Diskussion um die Zukunft der Betagtenpflege. Ende dieses Jahres läuft die dreijährige Einführungsphase der neuen Pflegefinanzierung ab, und der Bundesrat wird bis dahin einen Bericht mit seiner «Strategie zur Langzeitpflege» vorlegen. Dabei wird es zentral um die Frage gehen: Wie können wir das bezahlen?

Anzeige

Schon heute belaufen sich die Gesamtkosten der Heimpflege auf jährlich rund neun Milliarden Franken; bis 2030 rechnen Experten mit fast einer Verdoppelung auf 17,8 Milliarden. Das wird die Krankenkassenprämien wie auch die Rest­kosten für Kantone und Gemeinden in die Höhe treiben. Vor allem aber trifft es die Heimbewohner massiv. Von den durchschnittlich 8500 Franken (2012) pro Monat tragen sie zwar «nur» maximal 648 Franken für die Pflege, aber fast 4800 Franken für Pension und Betreuung. Die Unterschiede sind ­allerdings gross, weil vielerorts Pflegekosten auf die Betreuungs- und Hotellerietaxe umgelagert werden. Wie sehr das heutige System ins Geld geht, lässt sich auch an den Ergänzungsleistungen zur AHV ablesen: Über die Hälfte der Heimbewohner kann sich die hohen Kosten nicht leisten und bezog 2012 total 2,5 Milliarden Franken an Ergänzungsleistungen; 1999 waren es erst 1,4 Milliarden gewesen.

Anzeige

Pflegeversicherung ist höchst umstritten

«Die Dynamik geht voll zu Lasten der ­Steuerzahler», mahnt Andreas Dummermuth, Präsident der Konferenz der kantonalen Ausgleichskassen. Er schlägt daher eine neue Pflegekostenversicherung vor, denn «ein Problem, das so viele Personen betrifft, wird in der Regel via Sozialversicherung abgedeckt».

Dummermuth kann sich dafür zwei Modelle vorstellen: einen Zuschlag auf die Krankenkassenprämie, wobei dieser auch erst für Leute ab 50 denkbar wäre. Oder ­eine Erhöhung der AHV-Beiträge nur für die Arbeitnehmer. Die Arbeitgeber will Dummermuth ausklammern – es gebe keinen sozialpolitischen Grund, weshalb die Wirtschaft die Pflegebedürftigkeit im Alter mitfinanzieren sollte.

Der Bundesrat wird die Variante Pflegeversicherung demnächst prüfen. Wie eine solche aussähe, ist freilich höchst umstritten. Das Spektrum reicht von einer obligatorischen Versicherung für alle Prämienzahler über eine freiwillige, steuerbegünstigte Versicherung im Rahmen der Säule 3a bis hin zu einkommensabhängigen Prä­mien. Bei dieser Bandbreite an Meinungen ist eins sicher: Das Thema bleibt noch ­jahrelang auf der Traktandenliste.

Anzeige