«Mein Mann erscheint an diesem Donnerstag im November ungewohnt früh zu Hause – er wird begleitet von zwei Unbekannten in Ledermänteln. ‹Kantonspolizei›, erklären sie. ‹Dies ist eine Hausdurchsuchung.›

Ich bin wie versteinert. Uns wird sogleich verboten, miteinander zu sprechen. Tausend Dinge schiessen mir durch den Kopf. Mein Mann öffnet hier eine Schublade, dort eine Schranktür. Er bittet darum, auf die Toilette gehen zu dürfen. Der Polizist lässt ihn nicht aus den Augen.»

Die Zahnbürste darf er mitnehmen
Kurt Hauser, der Ehemann von Sabine (Namen geändert), Bankangestellter, 44 Jahre alt, wird unter dem Verdacht des Betrugs und der Urkundenfälschung festgenommen: Zwei Jahre sind es her. Die Beamten behändigen in seiner Wohnung 13 Bundesordner sowie den Computer, den die ganze Familie benutzt hatte.

«Ich begann, völlig sinnlos Wäsche zu falten. Möglich, dass ich sie danach wieder auseinander faltete. Ich musste einfach etwas tun. Von Fernsehkrimis war mir bekannt, dass Verhaftete einen Anwalt anfordern können. Dies müsse schon ich selber an die Hand nehmen, erklärte der Polizist auf meine diesbezügliche Frage. Und was, wenn ich jetzt nicht zu Hause gewesen wäre, will ich weiter wissen. ‹Man hätte Sie beim Aufgeben der Vermisstmeldung dann schon aufgeklärt›, antwortet der Polizist. Wenig später sagt er: ‹Das wärs.›

Der Abschied ist kurz. Ich drücke meinem Mann noch schnell einen Hustensaft in die Hand. Es hätte auch etwas anderes sein können. Er sollte wissen, dass ich an ihn denke. ‹Sag der Kleinen die Wahrheit›, rät er mir noch. Dann ist er weg.»

Wie lange die Untersuchungshaft dauern wird, können die Polizisten nicht sagen. Der einzige Hinweis für den weiteren Verlauf: Einer der Beamten fordert den Verhafteten auf, die Zahnbürste mitzunehmen – man wisse ja nie.

«Ich starre aus dem Stubenfenster. Vor mir liegt ein grosser Parkplatz mit ein paar Flecken Schnee. Das Zeitgefühl ist verschwunden, ich bin wie gelähmt. Wäre ich überfallen worden und stünde unter einem vergleichbaren Schock, hätte ich die Polizei gerufen. Nein, ich mag jetzt niemanden sprechen. Atme ich noch?

Ich muss sehr lange so gesessen haben. Dann rufe ich einen Anwalt an. ‹Das sieht nicht gut aus›, sagt der, nachdem ich ihm das amtliche Papier vorgelesen habe. Er werde von sich hören lassen.

Gegen fünf Uhr vertraute Geräusche: Die Haustür kracht ins Schloss, der Schulthek fliegt in die Ecke. Unsere elfjährige Tochter bleibt stehen, schaut mich an. ‹Mami, was isch?› – ‹Papi ist im Gefängnis.› Ich weine nicht. Wie lange er bleiben müsse, will die Tochter wissen. Sie stellt wenig Fragen.

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Drei Löffel Reis, ein Vitamin-Shake
Mein Mann ist ein stiller Mensch. Aber er hat mir nie etwas verschwiegen, geschweige denn mich angelogen. Jedenfalls hatte ich keinen Grund zum Misstrauen. Noch hoffe ich, dass er die Zahnbürste vergebens mitgenommen hat, dass er, spätabends vielleicht, zurückkehrt. Er kommt nicht. Auch einen Tag später nicht. Mein Anwalt erklärt zwei Tage später: Meinem Mann gehe es ‹so weit gut›; er bleibe wohl noch ‹ein Weilchen› in U-Haft. Der Tochter rate ich, ihrer Schulfreundin nichts zu sagen.»

Es ist ein kalter Winter. Das kommt Sabine Hauser entgegen. Sie kann Eile vortäuschen, tief verhüllt huscht sie an den Leuten im Dorf vorbei. Eine Woche behält sie das Geheimnis für sich. Dann wird die Last des Schweigens zu schwer.

«Kurts Eltern leben nicht mehr. Ich rief meine ältere Schwester an. Sie war entsetzt, ging sogleich auf Distanz. Das Gespräch mit meinem Vater bescherte mir hilflose Ratschläge und Ermahnungen. Er fragte nicht, ob er vorbeikommen solle, er fragte nicht, ob mir etwas fehle. Jetzt realisierte ich, wie allein ich wirklich war.»

Die Ehefrau kündigt den Teleclub, alle Heftli-Abos, untersagt sich den Kauf von jedwelchen Kleidungsstücken. Sie isst ohne Lust, ohne Hunger – drei Löffel Reis in der Regel, ein Vitamin-Shake. Sie kocht vor allem für die Tochter. Zehn Tage nach der Verhaftung weiss ihr Bekanntenkreis noch immer nichts von der Abwesenheit ihres Mannes.

«Die Parkfläche in der Tiefgarage bleibt leer. Wer wird sich als Erstes nach Kurt erkundigen? Die Leute im Block könnten denken, er habe mich verlassen. Sollen die doch denken, was sie wollen, denke ich mir dann. Leichter wird mir nicht dabei. Elf Tage nach der Verhaftung lade ich eine Nachbarin zum Kaffee ein. Sie nimmt, was ich ihr mit starkem Herzklopfen erzähle, äusserst freundschaftlich auf. Einen Tag später steht sie mit Früchten und Teigwaren vor der Tür. Sie begleitet mich zur Bank. Dort heisst es: ‹Tut uns leid, Ihr Konto ist gesperrt.› Der Filialleiter erklärt mir persönlich, da könne man nichts machen, der Staatsanwalt habe dies angeordnet.»

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Sabine Hausers Gesuch, ihren Mann besuchen zu dürfen, wird erst nach drei Wochen stattgegeben. Ihre Handtasche muss sie beim Empfang deponieren. In einem kleinen Raum, durch eine Glasscheibe getrennt, sitzt sie ihm gegenüber. Er ist blass. Das Gespräch wird aufgezeichnet. Der Häftling erzählt von seinem neuen Alltag. Über «den Fall» zu reden wird den beiden strikte verboten.

Sozialer Abstieg

Eine Nachfrage auf dem Sozialamt ergibt wenig Erbauliches. Kurt Hauser wird bis zur Haftentlassung kein Arbeitslosengeld erhalten. Als Hausfrau hat Sabine Hauser kein Anrecht auf irgendwelche Leistungen. Eine Berufsberaterin empfiehlt ihr, auf der Gemeinde per Aushang Altenbetreuung anzubieten – der Hinweis bleibt ohne Reaktion. Sie muss bei der Nachbarin Geld ausleihen. Das fällt ihr sehr schwer.

Nach acht Wochen kommt ihr Mann abends aus der Haft nach Hause. Das Paar redet bis in die Morgenstunden darüber, wie es denn jetzt weitergehen soll.

Zwei Jahre ist alles her. Ein Urteil liegt noch nicht vor. Die Schlusseinvernahme hat noch nicht stattgefunden. Kurt Hauser arbeitet vorläufig als Hilfspfleger, seine Frau als Aushilfe in einem Kleiderladen. Die Kleinfamilie ist in eine günstigere Wohnung umgezogen.

«Mein Mann hat etwas getan, von dem er nicht wusste, dass es allenfalls unter Strafe steht. Ich kann es nicht verstehen, ich kann es nicht verteidigen. Mit Hilfe von Meditation habe ich gelernt, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind. Ohne Vorwürfe, ohne Bitterkeit. Was geschah, hat unsere Beziehung auf eine harte Probe gestellt – alles in allem jedoch gestärkt. Nur: Da ist eine grosse Angst vor der Zukunft. Kurts Leumund dürfte für die Jobsuche nicht gerade dienlich sein.

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Was ich unbedingt verhindern will: dass unsere Tochter wegen der Angelegenheit leiden muss. Ging früher etwas schief, sagte ich jeweils zu ihr, man könne alles wieder geradebiegen. Diesmal trifft das halt nicht zu.»

Darüber sprechen tut gut

Selbsthilfegruppen können Rückhalt in schwierigen Lebensphasen vermitteln: Das Gespräch mit Menschen, die ein ähnliches Schicksal teilen, mindert die Belastung. Der Austausch ist zu einer erfolgreichen Bewegung geworden. Kosch, die Dachorganisation der Selbsthilfegruppen, hat ihren Sitz in Basel: www.kosch.ch.

Selbsthilfegruppen für Angehörige von Strafgefangenen gibt es zurzeit nicht. Offensichtlich sind Scham und versteckte Schuldgefühle grösser als der Wunsch, sich zu öffnen. Das Selbst­hilfezentrum Zürcher Oberland, Uster, plant jedoch den Aufbau einer Gruppe. Interessierte melden sich unter info@selbsthilfezentrum-zo.ch.