Müggli ist zurück! Die zierliche alte Dame ist überglücklich. Sechs lange Wochen war der schwarze Kater wie vom Erdboden verschluckt. Und jetzt ist er wieder da. «Eines Morgens spazierte er durch die Terrassentür – wie wenn nichts gewesen wäre.» Müggli hat den Umzug ins Altersheim mitgemacht.

Gertrud Wyss hat Jahrgang 1915. Seit eineinhalb Jahren lebt sie im Wohn- und Pflegezentrum Beugi in Zollikon ZH. Vor ein paar Monaten hatte sie einen Traum: «Ich war mit einigen Leuten des Heims auf einem Ausflug», erzählt sie. Plötzlich habe jemand gesagt: «Es ist Zeit heimzugehen.» Der Traum beschäftigt sie noch immer: «Heimgehen? Wo bin ich denn jetzt daheim?» Gertrud Wyss wusste es lange Zeit nicht.

Daheim sein. Das bedeutet mehr, als lediglich ein Dach über dem Kopf zu haben. Es bedeutet zum Beispiel, selber bestimmen zu können, ob man sich zurückziehen oder lieber gesellig sein will. Sich daheim fühlen, das ist schon in jungen Jahren wichtig. Und im Alter ist es erst recht wichtig. Da wird die Wohnung, das eigene Zimmer zum Mittelpunkt des Lebens.

«Ich verdrängte das Heim nicht»
Das geht vielen so. «Die meisten Menschen möchten zwar älter werden, aber nicht alt sein», sagt die Sozialarbeiterin Katrin Stäheli. Kaum jemand wolle zu «den Alten» gehören. «Schon gar nicht zu jenen, die im Altersheim wohnen.» Das hat oft fatale Auswirkungen. Viele Menschen denken im Alter kaum über ihre gegenwärtige und zukünftige Wohnsituation nach. Sie verdrängen das Thema Altersheim so lange, bis es zu spät ist – bis der Eintritt durch ein akutes Ereignis unausweichlich wird. Dann aber planen und entscheiden häufig andere darüber.

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Gertrud Wyss hat dieses Thema nicht verdrängt. «Ich habe mir schon früh darüber Gedanken gemacht. Ich nahm mir vor, frühzeitig zu gehen – nicht erst, wenn ich muss.» Und so hat sie es auch gehalten.

Einfach war dieser Entscheid nicht. Gertrud Wyss liebte ihre vertraute Wohnung. Sie genoss den Bewegungsspielraum in ihrer Dreizimmerwohnung. «Ich wusste, dass es im Altersheim enger wird.» Sie hing an den vielen schönen Dingen, mit denen sie sich im Lauf ihres Lebens umgeben hatte. «Ich war mir darüber im Klaren, dass ich mich von vielem, was mir lieb ist, beim Umzug trennen müsste.» Ein wenig Angst, dass sie einen Teil ihrer Selbstständigkeit im Altersheim verlieren würde, hatte sie allerdings schon.

«Die Kontakte pflege ich weiter»
Damit ist sie nicht allein. Vielen jagt die Vorstellung vom Leben im Altersheim Angst und Schrecken ein. «Das hat mit alten Bildern und prägenden Erlebnissen vom Leben im Heim zu tun», sagt Katrin Stäheli. Doch diese Bilder seien heute überholt. «Die Altersheime haben sich gewandelt. Sie sind moderner geworden und werden professionell geführt.»

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Heute seien Menschen willkommen, die auch im Heim ihr Leben selbstständig gestalten wollen, sagt Sozialarbeiterin Stäheli. Da würden auch individuelle Bedürfnisse und Wünsche erfüllt. «Das klassische Altersasyl von gestern mit all seinen Schattenseiten gibt es heute fast nicht mehr.»

Damit decken sich auch Gertrud Wyss’ Erfahrungen. Und jetzt, nach anderthalb Jahren, sind das Heimweh und die Unsicherheit, ob sie nicht zu früh ins Altersheim gegangen sei, vorbei. «Ich bin definitiv angekommen und fühle mich im ÐBeugi? daheim.» Das relativ geräumige Zimmer mit dem kleinen Gartensitzplatz habe ihr das Einleben erleichtert. Auch fühle sie sich gut aufgehoben in der Gemeinschaft. «Und das Personal ist flexibel und sehr freundlich.»

Wenn Gertrud Wyss heute zufrieden ist, liegt das aber auch an ihr selbst. «Es ist ein grosser Vorteil, dass ich mich rechtzeitig mit dem Altersheim auseinander gesetzt habe», sagt sie. Auch dass sie bewusst vom Bisherigen Abschied nahm, habe ihr geholfen. «Ich habe meinen Blick realistisch aufs Neue ausgerichtet.» Von ihren geistigen und körperlichen Möglichkeiten her sei sie auch im Altersheim noch in der Lage, ihr Leben weitgehend nach ihren Bedürfnissen zu gestalten.

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Davon zeugt zum Beispiel die Einrichtung ihres neuen Heims im Altersheim. Hier stehen ihre liebsten Möbelstücke. Auch die Kontakte ausserhalb des Altersheims hat Gertrud Wyss nicht aufgegeben. «Die pflege ich weiter», sagt sie. Regelmässig besucht sie eine Volkstanzgruppe. Sie singt im Kirchenchor. Und im Altersheim ist die selbstständige Gertrud Wyss ohnehin ein aktives Mitglied: Sie macht im Bewohnerinnenrat des Heims mit und hilft so, das Zusammenleben und den Alltag zu gestalten.

Und nicht zuletzt: Im Altersheim ist jetzt auch Kater Müggli zu Hause. Zwar weiss niemand, wo er sich sechs Wochen lang herumtrieb. Vielleicht wollte er noch einmal die Freiheit des alten Wohnquartiers erleben. Aber dann hat er wohl gemerkt, dass auch er dorthin gehört, wo seine menschliche Gefährtin daheim ist.

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