Was hat sie nicht alles für ihren drogenabhängigen Sohn unternommen: Termine bei Beratungsstellen vereinbart, Bussen und Betreibungen bezahlt, Ratschläge erteilt. Doch genützt hat es nichts; der Sohn hielt die Verabredungen nicht ein, schlug die Hilfestellungen in den Wind, die Bussen häuften sich. Was kann sie als Mutter sonst noch für ihn tun?

Jürg Kauer vom Verband der Eltern- und Angehörigenvereinigungen Drogenabhängiger ist täglich mit solchen Hilferufen konfrontiert. «Meist brauchen die Angehörigen genauso Hilfe wie ihre suchtkranken Mitmenschen», sagt Kauer. «Vor allem weil es ihnen unglaublich schwer fällt, den Liebsten zu sagen, man habe sie zwar gern, ihre Sucht bringe einen aber an den Rand der Verzweiflung.» Oft zögerten die Angehörigen viel zu lange, bis sie externe Hilfe in Anspruch nähmen – weil sie ihre Not nicht wahrhaben wollten.

So erging es auch Basil, der sich Al-Anon, einer Angehörigengruppe von Alkoholkranken, angeschlossen hat. Lange Zeit war er sich nicht bewusst, dass sein Vater Alkoholiker war. «Man sah ihn nur selten betrunken, und er fiel weder bei der Arbeit noch in der Verwandtschaft auf.»

Schuld- und Ohnmachtsgefühle
Als sich die Hinweise verdichteten, begegnete Basil seinem Vater stets mit Vorsicht und Rücksichtnahme und versuchte, ihm möglichst unauffällig zur Seite zu stehen. «Daraus entwickelte sich ein verheerender Verdrängungsmechanismus.»

Jürg Kauer weiss aus eigener Erfahrung, welchen Belastungen man als Angehöriger ausgesetzt ist. «Als Vater eines drogenabhängigen Sohns war ich von Schuld- und Ohnmachtsgefühlen geplagt, denn ich musste einsehen, dass jede Hilfe nutzlos ist, solange sie nicht angenommen wird.»

Dann kam der Punkt, an dem Kauer Hilfe für sich selber suchte. Den ersten Kontakt mit der Selbsthilfegruppe bezeichnet er als Meilenstein in der Auseinandersetzung mit dem Drogenproblem seines Sohns. «Wenn man die eigenen Probleme, die durch die Sucht des anderen entstanden sind, akzeptiert und nach Lösungen sucht, kann man mit dem Süchtigen besser umgehen.» Denn ändern könne man Mitmenschen nicht – nur das eigene Verhalten.

Allgemein gültige Rezepte können Angehörigengruppen nicht bieten: Jeder muss selber einen Weg finden, wie er mit seinem suchtkranken Nächsten umgeht. «Aber wenn die Last auf mehrere Schultern verteilt ist, ist sie leichter zu tragen», betont Kauer. Man könne auch von anderen lernen, ohne sich lange erklären zu müssen, denn alle hätten dasselbe durchgemacht: «Das Problem erledigt sich zwar mit einer Angehörigengruppe nicht, aber man findet wieder Lebensqualität.»

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Verhaltensregeln für Angehörige

Egal, wie Sie mit einem suchtkranken Mitmenschen umgehen: Sein Problem hat Auswirkungen auf Ihre Beziehung zu ihm. Die folgenden Verhaltensregeln können helfen, den Bedürfnissen aller Beteiligten gerecht zu werden.
 

 

Was kann ich für mich selber tun? Was kann ich für den suchtkranken Angehörigen tun?
Bei Verdacht
Ich informiere mich über Sucht und Drogen. Ich vermeide Belehrungen.
Ich durchsuche weder seine Taschen noch seine Schubladen Ich versichere ihm, dass er mir vertrauen kann.
Bei Gewissheit
Ich frage mich, was sein Konsum mit unserer Beziehung zu tun hat. Ich vermeide Sätze wie «Das tust du nur, weil…».
Ich bin mir bewusst, dass sein Konsum unsere Beziehung beeinflusst. Ich moralisiere nicht und sage keine Sätze wie «Wenn du mich liebst, dann…».
Ich vertraue meinen Gefühlen und Wahrnehmungen und lasse mich nicht um den Finger wickeln. Ich zeige ihm, dass ich ihn ernst nehme und dass ich mir Sorgen mache.
Ich überlege mir, was mir am Zusammenleben mit ihm wichtig ist. Ich stelle Bedingungen für das Zusammenleben, kündige Konsequenzen an und ziehe diese notfalls auch durch.
Bei Eskalation
Ich lasse nicht zu, dass sein Konsum mein Leben oder unsere Beziehung dominiert. Beim Gespräch stehen Probleme des Alltags und des Zusammenlebens im Vordergrund.
Ich bin auf Rückfälle gefasst. Ich werfe ihm etwaige Rückfälle nicht vor, denn er macht sich selber genügend Vorwürfe.
Ich werde nicht zum Komplizen seiner Sucht, indem ich ihm zum Beispiel Geld gebe. Ich unternehme nichts, was seinen Konsum erleichtert.
Ich suche Hilfe, Unterstützung und Beratung für mich selber. Ich mache ihn auf Suchtberatungsstellen aufmerksam und begleite ihn, wenn er es wünscht.
ch tabuisiere seinen Konsum weder bei meinen noch bei seinen Freunden. Ich sage ihm, dass mich sein Konsum beschäftigt und belastet.
Ich lasse mich nicht belügen und vertrösten. Wir führen keine Gespräche, wenn er «verladen» ist.
Ich gehe mit mir selber sorgsam um. Notfalls muss er sich (räumlich) von mir trennen

Weitere Infos

  • Al-Anon, Selbsthilfegruppen für Angehörige und Freunde von Alkoholikern
  • Verband der Eltern- und Angehörigenvereinigungen Drogenabhängiger