Geranienbeete, Kübelpflanzen und ein moderner Brunnen schmücken den Vorplatz des Zürcher Spezialaltersheims Selnau. Eine kleine Oase, eingeklemmt zwischen Sihl, Tramgeleisen und einem gigantischen Baugerüst. Der Pensionär, der auf einer Holzbank bedächtig eine Zigarre raucht, scheint sich am Lärm der zähflüssigen Blechlawine, die durch die Selnaustrasse braust, nicht zu stören. Peter Fischer (Name geändert) sitzt noch immer drinnen im Esssaal. Der 84-Jährige hat Mühe mit dem Gehen - sonst wäre Peter Fischer längst in der Beiz. Ironischerweise hält ihn nur sein schlechter körperlicher Zustand davon ab, seine Gesundheit noch mehr zu strapazieren - mit viel Bier, Wein und Speck.

Im Altersheim Selnau leben 27 betagte Menschen. Sie würden in einem normalen Altersheim nicht zurechtkommen, denn sie haben psychische Probleme oder einen eigenwilligen Charakter oder konsumieren übermässig Suchtmittel. Wie viele der Bewohner trinken regelmässig zu viel? «Nimmt man den medizinischen Standard als Norm - für Männer zwei Gläser Wein oder zwei Stangen Bier, für Frauen die Hälfte -, dann ist es wohl etwa ein Viertel», schätzt Altersheimleiter Gabriel Eichenberger. Er betont aber: «Wir sind ein Wohnheim für ältere Menschen, haben also im engeren Sinne keinen pädagogischen und gesundheitserzieherischen Auftrag. Wir bieten jedoch Gesundheitsberatung an.»

Das Thema Sucht im Alter wurde lange bagatellisiert. 73'000 Menschen über 65 trinken in der Schweiz regelmässig zu viel Alkohol - dies schätzt die Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme. Das Erstaunliche ist: Jeder Dritte, der zu tief ins Glas schaut, hat erst im Alter mit dem übermässigen Alkoholkonsum begonnen. Auslöser kann eine Sinnkrise nach der Pensionierung sein, aber auch Vereinsamung oder der Tod des Partners. Viele ältere Menschen, die zu viel trinken, tun dies in den eigenen vier Wänden. Eveline Zwahlen von den Gesundheitsdiensten Basel-Stadt kritisiert denn auch, dass nicht genug Alkoholberatungsangebote für Ältere existieren. Denn die vorwiegend ambulanten Angebote können nur von Menschen genutzt werden, die noch mobil sind.

Das Sturzrisiko steigt
Doch ist es überhaupt sinnvoll, bei Hochbetagten noch einen Entzug durchzuführen? An dieser Frage scheiden sich die Expertenmeinungen. «Selbstverständlich lohnt sich ein Entzug in jedem Alter, auch bei über 80-Jährigen - und zwar in menschlicher wie auch in ökonomischer Hinsicht», ist etwa Uwe Herwig überzeugt. Laut dem stellvertretenden Chefarzt der Klinik für Alterspsychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich werden mögliche Folgekosten des Trinkens deutlich reduziert. «Einerseits werden langfristig die Pflege- und Betreuungskosten gesenkt, anderseits ist das Sturzrisiko - und somit die Gefahr von Knochenbrüchen und Kopfverletzungen - auch bei nur vorübergehender Abstinenz deutlich geringer.» Dies wiege die Kosten für einen zum Beispiel zwei- bis vierwöchigen Entzug mit anschliessender Entwöhnung mehr als auf.

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Anders sieht dies Margrit Lüscher, Leiterin des Stadtzürcher Altersheims Sydefädeli: «Die meisten dieser Menschen trinken seit Jahrzehnten zu viel. Klar kann man ein Fragezeichen hinter die Lebensqualität setzen, doch ich glaube, dass der Alkoholpegel diesen Bewohnern auch schöne Momente beschert.»

Wein gehört zum Mittagessen
In vielen Altersheimen ist es üblich, zum Mittagessen Wein auszuschenken. Etliche Senioren möchten dieses Stück Lebensqualität nicht missen. Oft gilt: Wer sozialverträglich trinkt, also niemanden stört, dem macht man seine zwei, drei «Gläschen in Ehren» nicht abspenstig. Was viele nicht wissen: Mit zunehmendem Alter weisen Menschen bei gleich bleibender Trinkmenge eine höhere Alkoholkonzentration im Blut auf - weil die Menge des Körperwassers im Alter abnimmt.

Tatsächlich begegnet man aber in Altersheimen selten Betrunkenen. Hochbetagte vertragen häufig keine grösseren Mengen Alkohol mehr. Gabriel Eichenberger vom Altersheim Selnau fügt an: «Ein 80-Jähriger hat meist gar nicht mehr die Kraft, ein Tohuwabohu zu veranstalten.» Schwere Alkoholiker sind jedoch noch aus einem anderen Grund eine rare Spezies in Altersheimen: Die meisten werden gar nicht so alt. Andere benötigen ein Pflegeheim. So mancher Alkoholiker lebt auch in einem Obdachlosenheim.

Die Autonomie des einzelnen Menschen wird im Altersheim sehr hoch gewichtet, deshalb schreiten Pflegefachleute in der Regel erst ein, wenn ein Bewohner den Alkoholkonsum nicht mehr im Griff hat, wenn er beispielsweise im Rausch aggressiv wird und Mitbewohner beschimpft. Dasselbe gilt, wenn jemand sich selbst gefährdet - etwa weil eine erhöhte Sturzgefahr besteht. Dann wird das Problem thematisiert, oft zusammen mit den Angehörigen und dem Hausarzt. Hingegen erleben Betreuungsfachleute wie Rita Tschernitz vom «Sydefädeli» immer wieder, dass Bewohner, die ihren Bedürfnissen gerecht in den Heimalltag integriert werden - etwa mit Kaffeerunden, gemeinsamem Backen, Vorlesen oder Singen -, durch die Ablenkung weniger Alkohol trinken.

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Alkoholsucht: Was Angehörige und Freunde tun können

  • Sprechen Sie das Alkoholproblem offen und freundlich an, ohne zu moralisieren.


  • Schildern Sie dabei, wie es Ihnen geht: «Ich finde es schade, dass...»
  • Vermitteln Sie die Botschaft «Du brauchst nicht» statt «Du darfst nicht».
  • Verstärken Sie abstinentes Verhalten und fördern Sie alternative Erlebnisse, etwa soziale Kontakte.
  • Informieren Sie sich selbst über die Alkoholkrankheit.
  • Besprechen Sie das Problem mit Ihrem Hausarzt, gehen Sie zu einer Beratungsstelle für Angehörige und gegebenenfalls in eine Selbsthilfegruppe für Angehörige.

AnlaufstelleFachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme: www.suchtschweiz.ch