Mitte März in Weisslingen ZH: Ein Erstklässler wird von Polizisten zu Hause abgeholt und in ein Heim gebracht, weil er den Unterricht gestört haben soll. Zwei Tage später muss er auf Anordnung des Bezirksgerichts Zürich freigelassen werden. Der Beschluss der Gemeinde sei fachlich und juristisch nicht fundiert, befinden die Richter. Die Heimeinweisung des Jungen hat eine Gemeinderätin verfügt, im Hauptberuf Krankenschwester und Hausfrau.

Überforderte Laienbehörden im Vormundschaftswesen sind ein Dauerthema. Das wollte man ändern und hat das Vormundschaftsrecht erstmals seit 100 Jahren völlig revidiert. In der Sommer- oder Herbstsession wird der Nationalrat als Zweitrat die Vorlage behandeln, die weitgehend unbestritten ist.

Doch ausgerechnet eine verbindliche Professionalisierung der Vormundschaftsbehörden scheint auf der Strecke geblieben zu sein: Der Gesetzestext ist in diesem Punkt unpräzis.

Beobachter: Wären nach der Gesetzesrevision Fehlleistungen wie unlängst in Weisslingen noch möglich?
Christoph Häfeli: Hoffentlich nicht. Es wäre wünschenswert, dass Miliz- und Laienbehörden auf Gemeindeebene durch eine interdisziplinäre Fachbehörde ersetzt werden. Deshalb werden die Gemeinden die Vormundschaftsbehörden auf Bezirks- oder Kreisebene zusammenlegen müssen. Im Moment gibt es ja gesamtschweizerisch 1800 Vormundschaftsbehörden. Sinnvoll wären 80 bis 100.

Beobachter: Das ist ein frommer Wunsch. Das neue Vormundschaftsrecht schreibt den Gemeinden nicht vor, wie sie die Behörden organisieren sollen. Da bleibt doch alles beim Alten.
Häfeli: Wir Experten wollten es anders. Wir wollten interdisziplinär zusammengesetzte Fachgerichte. Aber das ist in der Vernehmlassung auf sehr starken Widerstand gestossen. Wir konnten nur erreichen, dass das Gesetz für Entscheide im Vormundschaftswesen eine «Fachbehörde» vorschreibt. Das war das einzige Zugeständnis, das wir dem damaligen Bundesrat Christoph Blocher noch abringen konnten. Dadurch ist die völlige Beliebigkeit in 26 Kantonen theoretisch weiterhin möglich.

Beobachter: Also bringt das neue Vormundschaftsrecht im entscheidenden Punkt der Professionalisierung gar nichts?
Häfeli: Doch. Das neue Recht überträgt den künftigen Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden 110 Aufgaben in hochsensiblen Bereichen. Die können sie nur bewältigen, wenn sie sich professionell organisieren. Auf diesen Druck hoffe ich. Ausserdem hat die Konferenz der kantonalen Vormundschaftsbehörden Vorschläge gemacht, wie sich die Behörden unter dem neuen Recht sinnvoll organisieren sollen. Davon werden sich die Kantone inspirieren lassen.

Beobachter: Noch ein frommer Wunsch...
Häfeli: Nein. Im Aargau zum Beispiel liegt ein Expertenbericht auf dem Tisch des Regierungsrats, der statt 200 Vormundschaftsbehörden sechs Familiengerichte vorsieht. Und dieser Vorschlag hat gute Chancen. In der Westschweiz urteilen übrigens schon seit langem Gerichte und nicht Laienbehörden über Obhutsentzüge, Heimeinweisungen und Bevormundungen.

Beobachter: Woran ist die verbindliche Professionalisierung gescheitert?
Häfeli: Am Kantönligeist. Die Kantone wollen sich nicht in die Organisationshoheit dreinreden lassen. Kantone mit starken Bezirksbehörden wie in Bern, Zürich und Luzern wehrten sich am meisten, weil dort Bezirksräte und Regierungsstatthalter entmachtet würden. Und der Vorschlag scheiterte auch an den Kosten.

Beobachter: Das neue Gesetz spricht nicht mehr von «entmündigt», sondern von «unter umfassender Beistandschaft stehend», zuständig ist nicht mehr die «Vormundschaftsbehörde», sondern die «Kinder- oder Erwachsenenschutzbehörde». Bringt das neue Gesetz mehr als schöne Etiketten?
Häfeli: Das neue Recht bringt viele Verbesserungen. Es stützt die persönliche Vorsorge, führt die Patientenverfügung ein, verbessert den Rechtsschutz bei der fürsorgerischen Freiheitsentziehung und ist auch sonst eine kleine Revolution. Statt der starren Massnahmen von heute wird man in Zukunft massgeschneiderte Lösungen bieten können für jeden Einzelfall. Man kann den Leuten so viel Selbständigkeit lassen wie möglich und muss nur so viel bevormunden wie nötig.

Beobachter: Können Sie das etwas konkreter beschreiben?
Häfeli: Will man heute zum Beispiel gegen den Willen eines Betroffenen eine Lohnverwaltung einführen, muss man ihn entmündigen. Das ist völlig unverhältnismässig. In Zukunft wird man nur die Lohnverwaltung als einzelne Massnahme verhängen können. Ein klarer Fortschritt ist auch, dass man die Entscheide der zuständigen Erwachsenenschutzbehörden vor einem Gericht anfechten kann. Heute sind da Verwaltungsbehörden zuständig.

Beobachter: Das wird den Druck auf die Laienbehörden weiter erhöhen.
Häfeli: Sicher. Und ich bin guten Mutes, dass bald nicht mehr Laien darüber entscheiden, ob Kinder in ein Heim eingewiesen werden, weil sie in der Schule schwierig sind.