Die jüngste Mitbewohnerin der Alterswohngemeinschaft Eichhorn in Romanshorn ist sehr lebhaft: Beim Besuch rennt einem die Border-Mischlingshündin Kaja sofort entgegen. Die WG besteht derzeit aus Ursula Malär, Josefine Neumann und Kurt Riederer. Sie bewohnen je zwei Zimmer in einer mehr als 100-jährigen Fabrikantenvilla mit ­riesigem Umschwung direkt am Bodensee. Die drei bezahlen die moderate Miete an die Hausbesitzerin, die Edith-Maryon-Stiftung zur Förderung sozialer Wohn- und Arbeitsstätten.

«Klassische Wohngemeinschaften sind im Alter nicht sehr beliebt, weil die Menschen ­zunehmend Mühe haben, Küche und Bad zu teilen», sagt Kurt Riederer. Auf ihn scheint das Modell jedoch geradezu zugeschnitten zu sein. «Allein wohnen war eine Zeitlang schön, aber aufs Alter merkte ich, dass es nicht die richtige Form ist», so der 74-jährige ehemalige Geschäftsmann. Auch seine drei Kinder, die teilweise im Ausland leben, seien erleichtert ge­wesen, als er in die Wohngemeinschaft zog. Kurt Riederer ist der Buchhalter, er kocht oft und pflegt auch den Gemüsegarten. In der Alters-WG Eichhorn gibt es Überschneidungen in der Küchen- und Badbenutzung, die jedoch kaum für Probleme sorgen. Auch Diskussionen um die Hausarbeit gibt es praktisch nie. «Wir besprechen am Tag vorher oder am Morgen, wer Lust hat zu kochen», sagt Kurt Riederer.

Die 69-jährige Josefine Neumann kocht seltener, putzt dafür häufiger. Die ehemalige Klavierlehrerin verfügt über langjährige WG-Erfahrung und sagt, das WG-Leben halte flexibel und jung. «Wir leben ein bisschen ein Familien­modell. Man kann sich aber jederzeit in seine Zimmer zurückziehen», erzählt Neumann.

Für Ursula Malär, 65, die letztes Jahr aufhörte, als Heilpädagogin zu arbeiten, liegt es an der guten Gesprächskultur, dass es so wenige Reibereien gibt. «Wir tauschen uns häufig aus. Zudem kann man sich in einer WG besser distanzieren als in einer Familie.» Die zwei neuen Bewohner, ein Mann und eine Frau, die demnächst zur WG Eichhorn stossen, mussten wie alle Interessenten erst einmal zwei Wochen lang Probe wohnen.

«Es ist sicher auch eine Option, eines Tages die Kosten für eine Putzfrau oder einen Gärtner zu teilen», sagt Ursula Malär. Vorderhand ist das aber noch nicht nötig: Die rüstigen Bewohner halten die 14-Zimmer-Villa samt 6000 Quadratmeter grossem Park allein in Schuss. Und was wäre, wenn jemand pflegebedürftig würde? Die drei Senioren haben in einer schriftlichen Vereinbarung festgehalten, dass man einander nach Möglichkeit hilft. Aber auch, dass man ­immer wieder verhandelt, ob die Situation für die anderen noch tragbar ist.

Selbständig wohnen, ohne allein zu sein

Seniorenresidenzen, Alterswohnungen, Alters-WG – die Wohnformen im Alter sind heute vielfältiger denn je. Unterstützungsangebote von externen Dienstleistern wie etwa der Spitex oder privaten Anbietern verlängern und erleichtern ein selbständiges Leben in den eigenen vier Wänden (siehe nachfolgende Box «Hilfe und Betreuung zu ­Hause»). Als Modell für die Zukunft gelten Hausgemeinschaften, in denen man ­unter einem Dach, aber jeder in der eigenen Wohnung lebt. Dank Gemeinschaftsräumen und gegenseitigem Austausch wohnt man selbständig, ist aber nicht allein. Etliche Wohn­genossen­schaften in der Schweiz realisieren derzeit neue Projekte mit einer bewussten Altersdurchmischung. Wie etwa die Wohngenossenschaft ­Gesewo. Sie baut zurzeit in Oberwinterthur am Mehrgenerationenhaus Giesserei, das Anfang 2013 bezugsbereit sein wird.

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«Ein Umzug und Neuanfang ist mit 70 einfacher als mit 85», sagt Katrin Stäheli Haas, die das Buch «Wohnen und Pflege im Alter» verfasst hat. Es sei entscheidend, die verschiedenen ­Varianten des Wohnens frühzeitig zu prüfen. «Altersbedingte Probleme fängt man in einer kleineren Wohnung besser ab als im grossen Einfamilienhaus mit Gemüsegarten irgendwo abseits», so die Buchautorin. Sie ist überzeugt, dass man sich nicht für alles absichern kann, da einem häufig ein Unfall oder eine schwere Erkrankung einen Strich durch die Rechnung mache. «Aber es ist ratsam, sich mit der eigenen Wohnzukunft und mit den eigenen Wünschen in Bezug auf dieses Thema bewusst auseinanderzusetzen.»

Der Deal: Wohnraum gegen Haushaltshilfe

Der Gedanke der gegenseitigen Hilfe liegt auch dem Projekt «Wohnen für Hilfe» der Pro Senectute des Kantons Zürich zugrunde. Die Idee ist bestechend einfach: Eine ältere Person stellt ­einer jüngeren gegen Hilfe im Haushalt Wohnraum zur Verfügung. Ein Quadratmeter Wohnraum entspricht einer Stunde Hilfe pro Monat. Im Kanton Zürich bestehen derzeit 25 solcher Wohnpartnerschaften – andere Kantone haben ihr Interesse angemeldet.

Die 20-jährige Andrea Hofer wohnt seit ­Feb­ruar bei Verena Helbling in Hombrechtikon. Die 72-Jährige fühlte sich «etwas allein», seit sie letztes Jahr ihre Berufstätigkeit auf­gab. Die Wirtschaftstudentin aus dem solothurnischen Etziken ist froh, ein günstiges Zimmer in der Nähe von Zürich zu haben und nur die Nebenkos­ten übernehmen zu müssen. Andrea Hofer: «Ich finde es auch schöner, wenn noch jemand in der Wohnung ist.» Das ungleiche Paar, das sich wie selbstverständlich duzt, erledigt die wöchentlichen Arbeitsstunden oft gemeinsam: Andrea Hofer hilft Verena Helbling bei der Gartenarbeit, beim Staubsaugen, beim Einkaufen oder auch mal bei einer Einladung.

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Abgesehen davon leben beide Frauen eigenständig; gemeinsame Mahlzeiten sind selten. Das Wichtigste für das Zusammenleben, sind sich beide einig, ist folgender Grundsatz: Einander leben lassen und miteinander reden, sobald Schwierigkeiten auftauchen.

Hilfe und Betreuung zu Hause

Manch eine Seniorin fühlt sich allein in den eigenen vier ­Wänden unsicher und benötigt Unterstützung. Mit zunehmen­dem Alter werden tägliche Handgriffe schwieriger, oder die Hausarbeit wächst einem über den Kopf. Eine bewährte Hilfe in dieser Situation sind die Haushalts- und Pflegedienst­leistungen der Spitex und der Mahlzeitendienst der Pro ­Senectute. Über die kantonalen Geschäftsstellen der Pro ­Senectute sind auch Informationen zu folgenden Angeboten erhältlich: Sozialberatung, ­Beratung zu den Themen Wohnen, Steuern oder Vermögen, Hilfe bei der Gartenarbeit oder Coiffeure und Fusspflegefachleute, die zu älteren Menschen nach Hause kommen.

Andere Organisationen wie das Schweizerische Rote Kreuz bieten älteren Menschen an, Besuche oder Kontrolltelefonate auszuführen, bei Transporten oder bei der Wäsche behilflich zu sein. Die Angebote funk­tio­nieren in der Regel dank ehrenamtlichen Helfern und sind teilweise kostenpflichtig. Informa-tionen gibt es bei der Pro Senectute, beim Schweizeri­schen Roten Kreuz oder bei der lokalen Spitex. Es gibt inzwischen auch private Anbieter, die auf individuelle Bedürfnisse zu­geschnittene Dienstleistun­gen für ältere Menschen anbieten. Selbständig arbei­tende Krankenschwestern oder private Organisa­tionen haben sich auf nichtmedizinische Betreuung und Begleitung von Senio­ren daheim spezialisiert. Man kann die Dienstleistungen je nach Bedarf und Budget für einzelne Stunden, aber auch bis zu 24 Stunden pro Tag in Anspruch nehmen – auch als Entlastung für pflegende Angehörige.

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Wohnpartnerschaft: Verena Helbling und Andrea Hofer

Quelle: Jos Schmid