Es riecht nicht, es stinkt. Atem raubend, Würgereiz auslösend. «Das ist reine Kopfsache.» René Aufranc zieht sich einen weissen Schutzanzug über, wie sie Chemiearbeiter tragen: «Gewöhnen kann man sich nicht an den Gestank, aber man kann lernen, ihn zu ignorieren. Man muss einfach da oben abschalten», sagt er und deutet sich an den Kopf. Einfach ist das nicht.

«So, lassen wir ein wenig Licht herein», ruft Renés Frau Vreni aus der Einzimmerwohnung im obersten Stock eines Mietshauses, aus der der bestialische Gestank zäh, aber unaufhaltsam nach unten dringt. Kein einfaches Unterfangen. Das Fenster ist mit einer Steppdecke verhüllt, der Zugang nur über meterhohe Müllberge möglich. Lebensmittel in Aggregatszuständen, die mit der Urform nichts mehr gemein haben, verflüssigtes Toastbrot in der Originalverpackung etwa, tragen zum olfaktorischen Super-GAU bei. Überall krabbelt Ungeziefer.

René Aufranc, seine Frau Vreni und Renés Sohn Alain sind ein hochspezialisierter Familienbetrieb. Sie kommen dann zum Einsatz, wenn das soziale Netz von Staat und Gesellschaft aufgegeben oder versagt hat, putzen quasi hinter der Gesellschaft her. Aufrancs Firma «René macht’s» räumt verwahrloste Wohnungen und solche, in denen - oft erst nach Wochen - ein Toter gefunden wurde. «Uns ruft man, wenns chäferlet und chräbelet, wenns schon lebt oder bereits wieder lebt», sagt Vreni mit einem breiten Lachen, während sie sich Gummihandschuhe überstreift. Sonst mache das ja keiner. Eine Marktlücke.

Marcus Schmidt von der Beratungsstelle für Schädlingsbekämpfung der Stadt Zürich ist derjenige, der die Aufrancs jeweils aufbietet. «Verwahrlosungsfälle in diesem Ausmass haben wir durchschnittlich zwei bis drei pro Jahr. Aber das sind natürlich nur diejenigen, die bereits stark auffallen. Meist hat der Zustand schon über längere Zeit angedauert.» Sogenannte «aussergewöhnliche Todesfälle», hinter denen die Aufrancs ebenfalls herräumen, gab es in der Stadt Zürich heuer bislang 19.

Die Operation «Offenes Fenster» ist gescheitert, ein Bauscheinwerfer beleuchtet das Elend, das bis vor kurzem noch die Behausung eines Menschen war. Instinktiv weicht man zurück: Gespenstisch anmutende elektrische Installationen mit unbekanntem Zweck; Dekorationsbemühungen mit Gummifledermäusen, Totenschädeln und künstlichen, von echten durchwirkten Spinnweben, eine abgeranzte Gummipuppe und anderes Sexspielzeug, Bücher mit Titeln wie «Tod durch Vorstellungskraft»; unter den Müllbergen kaum erkennbare Einrichtungsgegenstände; in der düstersten Ecke eine Schlafkoje mit einer Matratze, die diese Bezeichnung nicht verdient. Und bei jedem Schritt die bange Frage, die man lieber nicht beantwortet haben will: «Worauf trete ich gerade?»

Alle Besucher abgewehrt
Über 15 Jahre lang bewohnte der alleinstehende, heute knapp 50-jährige Mann die 25 Quadratmeter grosse Wohnung. Immer stärker wurde der Gestank, immer lauter wurden die Klagen der Mieter, immer zahlreicher die Motten und Käfer. Doch nichts passierte. Am ganzen Haus wurden die Rollläden erneuert - bis auf jene seiner Wohnung: Er liess die Handwerker nicht herein. Schliesslich gelang der Rauswurf per Gerichtsurteil. «Geöffnet hat er trotzdem erst, als er hörte, dass wir das Schloss aufbohren wollten», erzählt der Schwiegersohn der Hausbesitzerin und fügt entschuldigend an: «Angesichts des Gestanks und der Tatsache, dass er nicht öffnete, dachten wir, er sei verstorben.» Heute lebt der Mann betreut in einer Wohnung in einem anderen Stadtteil.

René und Vreni chrampfen zügig voran, arbeiten sich durch die organisch gewachsene Müllhalde. Schwitzen unter ihren Schutzanzügen. Ärgern sich über die «Trampelpfade», jene Stellen, wo der Unrat so festgetreten ist, dass er sich nur mühsam in Schichten lösen lässt. Scherzen und lachen auch mal. «Wotsch der nöd no es Bröötli striiche», fragt Vreni ihren Mann und hält ihm ein vergammeltes Stück Brot und eine schwarzschimmlige Margarine hin. Ohne ein bisschen Galgenhumor gehe es nicht, erklärt der 64-Jährige. Auch die drei abgebrühten Profis packt ab und an der Ekel, mehr als einmal muss Vreni nach Luft schnappen. Noch schlimmer ist, wenn allzu Persönliches zum Vorschein kommt, etwa ein Bankbüchlein mit einem Saldo von 8 Franken und 30 Rappen, Stichtag 11. April 1986. Fotos aus besseren Zeiten. Eine Geburtstagskarte samt zwei 50er-Nötli von der Mutter, noch ungeöffnet im Kuvert.

Draussen im Treppenhaus sammeln René und Vreni die echten oder vermeintlichen Wertsachen, die beim Räumen auftauchen. Die werden dem ehemaligen Bewohner übergeben, so er sie denn will. Es ist ein kleines Häufchen. Psychologischen Beistand hätten sie nicht nötig, sagen Aufrancs. «Aber so was wie hier ist auch für uns aussergewöhnlich. Wenn wir zu Hause sind, werfen wir vermutlich als Erstes mal wieder etwas weg.» Auch eine Art, das Erlebte zu verarbeiten. Sonst würden sie den Tag jeweils bei einem Glas Wein besprechen oder auch mal «gemeinsam in der Badewanne mit einem Apéro».

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Sicherheit im eigenen Chaos
Immer wieder steht die Frage im Raum: Wie konnte es so weit kommen? «Ein Merkmal solcher Menschen ist, dass sie sehr zurückgezogen leben, weil sie darin Sicherheit zu finden glauben. Wenn auch noch der Kontakt zur Familie abgebrochen ist, wird es sehr schwierig, an sie heranzukommen», erklärt Heinz Böker, leitender Arzt am Zentrum für Depressions- und Angstbehandlung der Psychiatrischen Uniklinik Zürich. «Die Menschen im Umfeld sind oft hilflos und reagieren erst, wenn bereits die Käfer rumkrabbeln. Darum ist eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit dringend notwendig.» Es könne, solange keine akute Selbst- oder Fremdgefährdung bestehe, kein Zutritt zur Wohnung erzwungen werden.

Acht Stunden Arbeit und viele Müllsäcke später kommen ein zweites, bis dahin nicht sichtbares Fenster sowie ein Klavier und ein Hometrainer zum Vorschein - ausgegraben aus Haufen von leeren Ovodrinkflaschen, persönlichen Unterlagen, leeren Schokopuddingbechern, Kekspackungen, Elektronikbüchern, Ventilatoren, Dutzenden von elektrischen Kabeln, halb aufgegessenen Fertiggerichten, Pornokassetten, Schlagrahmspraydosen. Es zeichnet sich ab, dass noch ein Tag nötig sein wird, um die Wohnung so leer zu machen, dass die notwendigen baulichen Massnahmen in Angriff genommen werden können.

Die Bilanz des Einsatzes: zwei Tage harte Arbeit; 16 Kubikmeter Unrat - Küche, Bad und Boden, die herausgebrochen werden müssen, nicht eingerechnet. Zwei Tage Arbeit der Entsorger: 3000 bis 4000 Franken, die Kosten für die Entsorgung des Mülls nicht eingerechnet; unzählige Gummihandschuhe und Abfallsäcke, etliche Atemmasken und drei Schutzanzüge. Anstehende Renovationskosten von 20'000 bis 30'000 Franken. Und eine entsorgte Vergangenheit.

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