Beobachter: Herr Bachmaier, Sie sind 58. Sind Sie alt?
Helmut Bachmaier: Picasso sagte einmal: «Man braucht sehr lange, um jung zu werden.» Als ich jung war, fühlte ich mich alt. Jetzt bin ich ein junger Alter.

Beobachter: Wie bitte?
Bachmaier: Altsein hängt vom Selbstbild ab. Wie man sich als alter Mensch sieht, bestimmt, wie man das Alter erlebt – nicht umgekehrt.

Beobachter: Wir sollen uns also ein rosiges Bild malen?
Bachmaier: Eine Studie der amerikanischen Yale-Universität hat gezeigt, dass die Lebenserwartung um etwa 7,5 Jahre steigt, wenn jemand ein positives Bild vom Alter und von sich selbst als alten Menschen hat.

Beobachter: Gegenwärtig ist der Begriff «Alter» negativ besetzt.
Bachmaier: Das war nicht immer so. Noch im 18. Jahrhundert stäubten sich die Jungen Mehl ins Haar, um älter auszusehen. Altsein, Lebenserfahrung zu haben, das war hoch angesehen.



Sind Sie bereit fürs Alter?
laden Sie sich den Fragebogen (PDF, 17 kb) herunter.


Beobachter: Warum kam es zur Abwertung des Alters?
Bachmaier: Mit der industriellen Revolution wurde die Energie zum Fortschrittsfaktor, und die Jugend als Verkörperung von Lebensenergie drängte die Alten ins Abseits.

Beobachter: Gibt es Möglichkeiten, das Alter wieder aufzuwerten?
Bachmaier: Aber sicher. Indem wir uns nicht auf das konzentrieren, was im Alter nicht mehr geht, sondern auf das, was noch möglich ist. Im Alter ist vieles machbar, nur anders. Dieses Andere will gefunden werden – ältere Menschen müssen kreativ sein.

Beobachter: Was heisst das konkret?
Bachmaier: Ganz einfach: Der Hundertmeterlauf lässt sich durch den Spaziergang ersetzen. Das Erlebnis – Bewegung in der Natur – ist das Gleiche. Lebensklugheit ist, sich stets den Lebensumständen anzupassen und neue Wege zu suchen, die den eigenen Möglichkeiten entsprechen.

Beobachter: Vielen Menschen fällt es allerdings schwer, sich von dem zu verabschieden, was nicht mehr ist.
Bachmaier: Das stimmt, nötig ist es trotzdem. Manche haben ein geradezu versteinertes Selbstbild, das dem, was sie im Spiegel sehen, je länger, je weniger entspricht. Sie fühlen sich in ihrer Haut immer unwohler und überfordern sich derart heftig, dass sie krank werden. Oder sie flüchten sich geradezu in die Krankheit.

Beobachter: Was haben sie denn davon?
Bachmaier: Sie sind legitimiert, die Verantwortung abzuschieben: «Ich bin krank, ich bin alt, ich kann das nicht mehr.» Dabei sind viele bedeutende geistige Leistungen der Menschheit unter Qualen im hohen Alter entstanden. Michelangelo übernahm die Bauleitung des Petersdoms mit 71, Kant schrieb die «Metaphysik der Sitten» mit 73, Verdi vollendete die Oper «Falstaff» mit 80, und Goethe schloss seinen «Faust II» mit 81 ab.

Beobachter: Kann ein alternder Mensch etwas tun gegen die Versteinerung seines Selbstbildes?
Bachmaier: Selbstverständlich. Dazu muss er sich immer wieder kritisch mit sich und dem Urteil anderer auseinander setzen. Ich empfehle auch, öfter mal eine kleine Lebensbilanz zu ziehen, indem man sich der Erinnerung hingibt. Erinnern heisst Innewerden – wirklich verstehen. Nichts geschieht einfach so, alles hängt zusammen. Wer die Zusammenhänge in seiner Lebensgeschichte erkennt, entdeckt den Sinn darin. Und versöhnt sich eher mit dem, was war, nicht mehr ist oder nie sein durfte. Älteren Menschen fällt das oft gar nicht so schwer, denn wer mehr Lebenserfahrung hat, begreift besser. Dass sie manchmal vergesslicher sind, stört nicht: Mit dem Vergessen wird viel Müll weggeworfen.

Beobachter: Dieser wünschbaren Arbeit an sich selbst steht aber der Reflex entgegen: «Ich bin, wie ich bin – ich kann mich nicht mehr ändern.»
Bachmaier: Ein trostloses Argument. Damit gibt man sich auf. Die Erziehung und die Gesellschaft prägen uns zwar, geben aber unser Handeln nicht vor. Jean-Paul Sartre brachte es auf den Punkt: «Es kommt darauf an, was du aus dem machst, das man aus dir gemacht hat.»

Beobachter: Manche Forscher würden jetzt einwenden, dass sich die Persönlichkeit nach 40 nicht mehr nennenswert entwickelt.
Bachmaier: Das ist sehr umstritten. Zahlreiche Studien zeigen, dass man grundsätzlich bis ins hohe Alter alles lernen, neue Denkweisen ausprobieren und sich weiterentwickeln kann. So sagte der indische Staatsmann Morarji Desai in Andrew Jacksons «Buch des Lebens», dass er mit 56 aufgegeben habe, sich zu ärgern. Jackson reiste zu den Ältesten der Welt und erkundete ihr Geheimnis. Er fand heraus, dass sie alle etwas haben, von dem sie überzeugt und für das sie tätig sind – eine Leidenschaft, eine Aufgabe.

Beobachter: Heisst das, dass ein Mensch auf diese Weise älter wird?
Bachmaier: Ja, denn sein Tag bekommt einen Sinn. Und er vergisst seine Leiden. Wenn ich mich langweile, spüre ich auch, wie mir das Knie wehtut. «Alt werden heisst, ein neues Geschäft zu beginnen», meinte Goethe. Und ich füge hinzu: «Wer sich keine Aufgabe gibt, gibt sich selbst auf.»

Beobachter: Und wenn man sich einfach die Aufgabe stellt, das Leben zu geniessen?
Bachmaier: Da übermannt viele bald die Langeweile. Sie werden passiv und resignieren; sie fühlen sich überflüssig. So wird man schneller zum Pflegefall.

Beobachter: Manchmal fehlt die Motivation – oder die Idee, was man tun könnte.
Bachmaier: Fragen Sie mal in einer Gemeinde, wie viele Organisationen und Veranstaltungen es für ältere Menschen gibt. Da ist es fast unmöglich, keine Aufgabe zu finden – sei es ein Hobby, seien es Kurse oder Einsätze als Freiwillige. Wo der Antrieb fehlt, rate ich auch: «Schaffen Sie sich ein Haustier an!» Lumpi bellt und wedelt und droht, auf den Teppich zu pinkeln – was glauben Sie, wie das motiviert, täglich zwei Spaziergänge zu machen! Lumpi gibt dem Alltag Struktur und dem Leben einen Sinn.

Beobachter: Braucht ein Mensch, der bereits pflegebedürftig ist, auch eine Aufgabe?
Bachmaier: Im Rahmen der Möglichkeiten, ja. Die Aufgaben werden kleiner. Schon das Unterhalten eines Blumenkastens kann für einen Hochbetagten eine erfüllende Beschäftigung sein.

Beobachter: Und Menschen mit Demenz?
Bachmaier: Auch ihnen sollte man angemessene Aufgaben stellen. Wenn sie wieder lernen, Fingerfood selbst zu essen, bedeutet ihnen das so viel wie dem Lehrling die bestandene Prüfung. Der grösste Fehler der Pflege ist, dass man den Leuten alles abnimmt. Ich sage gerne: «Man muss ihnen etwas zumuten, damit sie Mut fassen.»

Beobachter: Möglichst viel Selbstständigkeit also bis zum Schluss?
Bachmaier: Das erhöht die Lebensfreude enorm. Der Verlust der Selbstständigkeit in der Demenz ist ja die grösste Angst vieler. Darum rate ich, frühzeitig eine Patientenverfügung zu unterzeichnen. Das lindert die Angst vor dem Ausgesetztsein.

Beobachter: Die Angst vor dem Tod aber bleibt…
Bachmaier: Da können wir viel von unseren Vorfahren lernen: Im Mittelalter feierte man auf Friedhöfen Feste. Wo wurden Kinder gezeugt? Auf Gräbern. Man hat die Toten ins Leben geholt. Wenn Sie sich regelmässig mit dem Tod befassen, wird er etwas Vertrautes und verliert dieses Schreckliche.

Beobachter: Und im ähnlichen Sinn sollten wir uns regelmässig mit dem Alter befassen?
Bachmaier: Das Alter darf nicht verdrängt werden. Mit der Geburt schon altere ich, laufe auf den Tod hin. Goethe dichtete: «Das Alter ist ein höflicher Mann: Einmal übers andre klopft er an. Aber nun sagt niemand: Herein! Und vor der Türe will er nicht sein. Da klinkt er auf, tritt ein so schnell – und nun heisst’s, er sei ein grober Gesell.» Es ist ratsam, sich frühzeitig mit dem höflichen Mann vertraut zu machen.

Buchtipps

  • Andrew Jackson: «Das Buch des Lebens»;
    Frederking & Thaler, 2003, Fr. 21.90

  • Dale Carnegie: «Wie man Freunde gewinnt»;
    Scherz, 2000, Fr. 41.20

  • Elisabeth Kübler-Ross (Hrsg.): «Reif werden zum Tode»;
    Droemer, 2004, Fr. 16.50
Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.
Anzeige