Die Pille für den Mann

Man war nah dran an der «Pille für den Mann», die eigentlich gar keine Pille ist, sondern eine Spritze in den Oberarm. Gespritzt werden Testosteron und Gestagen. Diese beiden Hormone gelangen über das Blut ins Gehirn und gaukeln der Hirnanhangdrüse vor, im Körper würden bereits Spermien produziert. Die Folge: kompletter Produktionsstopp von Spermien in den Hoden. Der Stopp ist nicht endgültig. Zwei Monate nach Absetzen der Spritze ist der Mann wieder fruchtbar.

Dann aber wurde die Firma Schering, die an der «Pille für den Mann» forschte, vom Pharmariesen Bayer aufgekauft – und das Projekt auf Eis gelegt. Derzeit testet die Weltgesundheitsorganisation WHO an der Universität Münster ein hormonelles Verhütungsmittel für Männer, durchaus mit Erfolg: Die Hormonspritzen haben kaum Nebenwirkungen und schützen äusserst wirksam. Aber es ist offen, ob die Pharmaindustrie nach wie vor an einem solchen Mittel interessiert ist. Wenn nicht, kann es noch lange dauern, bis die «Pille für den Mann» auf dem Markt erhältlich ist.

Die Nachfrage wäre vorhanden: In grösseren repräsentativen Umfragen haben sich 50 bis 70 Prozent der Männer Europas, Nord- und Südamerikas, Australiens und Asiens bereit erklärt, ein hormonelles Verhütungsmittel anzuwenden. Skeptiker zweifeln allerdings, ob genügend Vertrauen seitens der Frauen da ist, die Empfängnisverhütung ihren Partnern zu überlassen.

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Pille und Partnerwahl

Menschen können über den Körpergeruch wahrnehmen, ob die Gene eines potentiellen Partners günstig sind für die Nachkommen. Günstig heisst vor allem: anders. Je unterschiedlicher die Gene, umso kleiner das Risiko für Erbkrankheiten. Nun kam eine Studie der Universität Liverpool zum Schluss, dass die Pille diese instinktive Partnerwahl stört.

Da Frauen, die mit der Pille verhüten, sich hormonell gesehen in permanenter Schwangerschaft befinden, interessieren sie sich nicht mehr für die Männer, die den genetisch fittesten Nachwuchs garantieren. Sie fliegen nur noch auf die braven, weniger maskulinen Männer. Denn das sind die, die sich zuverlässig um die Kinder kümmern. Wohingegen Frauen, die keine Pille nehmen, in ihrer fruchtbaren Phase vor dem Eisprung auf Männer Typ «Abenteurer» oder «Kraftprotz» stehen. Weil diese, evolutionsbiologisch betrachtet, für gesunden, überlebensfähigen Nachwuchs sorgen.

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Die Studie aus Liverpool sorgte weltweit für Aufsehen. Nur: Sie hatte einen Schönheitsfehler. Die Forscher hatten rund 100 Frauen vor und nach der Einnahme der Pille zum Schnuppertest gebeten. Sie sollten an sechs T-Shirts von unterschiedlichen Männern riechen. Das Ergebnis: Weder die Düfte der genetisch ähnlichen noch der unähnlichen wurden messbar bevorzugt. Die Forscher halfen deshalb mit einem Trick nach. Sie strichen kurzerhand 25 Prozent der Probandinnen aus der Stichprobe – und erhielten so das erwartete Ergebnis. Trotzdem mussten sie sich am Schluss eingestehen: «Wir wissen nicht, ob die bevorzugten Gerüche sich tatsächlich durch die Einnahme der Pille verschieben.»

Gesundheitsrisiken der Pille

Die Pille geriet 2009 in die Schlagzeilen: Zwei junge Schweizerinnen erlitten nach Einnahme eine Lungenembolie; die eine starb, die andere ist schwerstbehindert. Das hat viele verunsichert: Wie gefährlich ist die Pille? Wie gross die Gefahr, eine Embolie oder Thrombose zu erleiden?

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Grundsätzlich verdoppeln alle Pillen, die Östrogen enthalten, das Risiko für Thrombosen und Embolien – weil Östrogen die Leber anregt, mehr gerinnungsfördernde Substanzen zu produzieren. In absoluten Zahlen: Nehmen 10'000 Frauen ein Jahr lang die Pille, erleiden drei bis vier von ihnen eine Thrombose oder Embolie. Im ersten Jahr nach Start der Einnahme ist das Risiko grösser. Auch Rauchen, Übergewicht und Veranlagung erhöhen das Risiko.

Die meisten Frauen verhüten heute mit sogenannten Mikropillen, die aus Östrogen und Gestagen bestehen. Auffallend ist, dass die zwei erwähnten Schweizerinnen mit demselben Pillentyp verhüteten, der das Gestagen Drospirenon enthält. Ist es gefährlicher als andere Gestagene? Diese Frage beschäftigte das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic. Nach mehreren Untersuchungen gab die Behörde im Oktober 2009 Entwarnung: Präparate mit Drospirenon seien nicht gefährlicher als andere auf dem Markt erhältliche Pillen.

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Zur Frage, ob die Pille das Krebsrisiko erhöht, gibt es unterschiedliche Studienergebnisse. Das Brustkrebsrisiko wird möglicherweise leicht erhöht, das Eierstockkrebsrisiko hingegen gesenkt.

Pille und Umwelt

Der Körper baut die Hormone der Pille zu einem Teil ab, der Rest allerdings wird über den Urin ausgeschieden und gelangt über Kläranlagen in die Gewässer – mit schlimmen Folgen: Fest steht, dass Östrogen die Geschlechtsteile männlicher Fische verweiblicht. Es führt auch dazu, dass die Männchen sich nicht mehr für die Weibchen interessieren und dass sie weniger Spermien produzieren.

Welche Auswirkungen die Pille auf Krebse, Schnecken, Muscheln, Bakterien und Pflanzen hat, wird zurzeit noch untersucht. Über die Gewässer gelangen die Hormone auch in unser Trinkwasser. Welche Langzeitschäden daraus für den Menschen resultieren, ist noch nicht geklärt. «Nach heutigen Erkenntnissen haben diese Stoffe wahrscheinlich keinen Effekt auf die Gesundheit des Menschen», sagt Michael Schärer, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesamt für Umwelt (Bafu).

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Ziel des Bafu ist es, einen Teil der Kläranlagen so auszubauen, dass sie Spurenstoffe wie Hormone, Antibiotika oder Pestizide vollständig filtern, was heute noch nicht der Fall ist. «Wann mit der Erneuerung begonnen wird, ist allerdings noch offen, da es sich um politische Entscheide handelt», so Schärer.