Beobachter: Herr Schleicher, waren Sie schon einmal arm?
Johannes Schleicher: Diese Frage muss man niemandem stellen, dem es heute gut geht. Denn Armut hat viel mit fehlender Perspektive zu tun.

Beobachter: Armutsbekämpfung hat auch viel mit Moral zu tun: Essen oder warme Kleider gibt man gerne, Geld für das Handy nicht. Weshalb ist das so?
Schleicher: Es gibt ein Grundrecht auf Hilfe in Not: Jeder hat Anspruch auf ein Dach über dem Kopf, Nahrung, Kleidung und medizinische Versorgung. Umstrittener ist die Frage, um wie viel die Hilfe darüber hinausgehen soll, etwa damit Menschen in ihr soziales Umfeld integriert bleiben.

Beobachter: Ob zum Beispiel einem Jugendlichen Markenturnschuhe finanziert werden sollen.
Schleicher: Sozialhilfebezüger müssen ihren Gürtel sehr eng schnallen. Für Markenturnschuhe reicht das kaum. Ausserdem sind Sozialhilfegelder zweckgebunden. Aber wir müssen zugleich das Selbstbestimmungsrecht des Empfängers achten. Bis zum Punkt, wo jemand sich selbst oder der Familie schadet.

Beobachter: Einerseits hat jeder das Recht auf Selbstbestimmung, anderseits wissen alle, was ein Sozialhilfeempfänger tun oder lassen soll. Ein Konflikt?
Schleicher: Es ist nachvollziehbar, dass Steuerzahler mitreden wollen; sie bezahlen ja. Sie haben Angst, dass jemand diesen Solidarpakt ausnutzt. Auf der anderen Seite setzt das die Armen unter einen Druck, der sie schwächt und mehr schadet als nützt. Heute will man deshalb wegkommen von Laienbehörden, die über Einzelfälle entscheiden.

Beobachter: Warum gehen die Emotionen so hoch, wenn ein Sozialhilfebezüger seine Rechte wie ein Arbeitsloser einfordert?
Schleicher: Es gibt halt noch immer diese archaische Frage nach der Schuld. Nur wer schuldlos arm wurde, soll wirklich Hilfe verdient haben. Für sie soll es auch Sozialversicherungen geben. Auf allen anderen lastet leider noch immer der pauschale Verdacht, sie seien selber schuld.

Beobachter: Es gibt Leute, die behaupten, die neue Armut sei vor allem ein statistisches Problem.
Schleicher: Das sagt nur, wer noch nie mit armen Menschen zu tun hatte.

Beobachter: Nimmt die Armut in der Schweiz zu?
Schleicher: Es gibt alarmierende Tendenzen. Die Gefahr ist gross, dass sich in der Sozialhilfe ein Sockel bildet, wie wir ihn bei der Arbeitslosigkeit bereits kennen.

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