«Die Schweiz hat mir ein neues Leben geschenkt», sagt Hava Shala Gerguri, «darauf kann sie stolz sein.» 1992 erhielt sie Asyl, weil sie in ihrer Heimat misshandelt und gefoltert worden war.

Wäre damals bereits das rigide Asylregime in Kraft gewesen, das die Schweizerische Volkspartei (SVP) durchsetzen will, hätte die Kosovo-Albanerin keine Chance auf Zuflucht gehabt. Denn nach den Bestimmungen der SVP-Initiative «gegen Asylrechtsmissbrauch», über die das Schweizer Volk am 24. November befindet, sollen Flüchtlinge, die über «sichere Drittstaaten» einreisen, kein Asyl mehr erhalten. Hava Shala Gerguri war auf dem Landweg eingereist und hatte dabei das sichere Land Österreich durchquert. Ihr Asylgesuch wäre also ohne Anhörung abgelehnt worden. «Das hätte mich tief verletzt», sagt sie. Denn sie hatte sehr viel Unrecht erlitten, bevor sie in der Schweiz um Schutz vor der Verfolgung bat.

1984 hatte die Polizei die damals 17-jährige Gymnasiastin und drei ihrer Mitschülerinnen im Schulzimmer verhaftet. Aufgefallen war sie durch unbequeme Fragen zur Geschichte des albanischen Volks. Die jugoslawische Polizei betrachtete sie deswegen als Mitglied einer nationalistischen Verschwörergruppe. «Sie folterten mich, weil ich keine Namen nannte und mich nicht für meine Fragen entschuldigte.» Die Polizei täuschte sogar eine Hinrichtung vor, um den Widerstand der Schülerin zu brechen. In den vier Jahren im Gefängnis wurde sie vielfach schikaniert, in Isolierzellen gesperrt und geschlagen.

1988 wurde Hava Shala Gerguri entlassen. «Aber ich blieb ein verbotener Mensch.» Sie musste die Wohnungen immer wieder wechseln, um Vermieter und Verwandte nicht in Gefahr zu bringen. An der Universität konnte sie sich nicht ordentlich anmelden und durfte ihr Studium der albanischen Literatur nur heimlich betreiben. Als 1991 Leute aus ihrem Freundeskreis verhaftet wurden, beschlossen sie und ihr Mann, der ebenfalls mehrere Jahre im Gefängnis gesessen hatte, zu fliehen.

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Rund 95 Prozent der Flüchtlinge reisen wie damals das Ehepaar Gerguri auf dem Landweg in die Schweiz ein und durchqueren dabei ein sicheres Nachbarland. Dennoch behauptet SVP-Nationalrat Hans Fehr, dass echte Flüchtlinge auch nach einer Annahme der Volksinitiative «gegen Asylrechtsmissbrauch» weiterhin in der Schweiz Asyl finden könnten. «Sie müssen das Gesuch bei einer Schweizer Botschaft oder einem Konsulat in ihrem Heimatland oder einem Drittland einreichen.» Zudem könne der Bundesrat Kontingente von Flüchtlingen aufnehmen.

Für Hava Shala Gerguri war das damals kein gangbarer Weg: «Wir hätten das Regime auf uns aufmerksam gemacht, wenn wir eine diplomatische Vertretung aufgesucht oder auch bloss Reisepapiere beantragt hätten.» Das Ehepaar Gerguri reiste nach Mazedonien und flog von dort nach Kroatien, das sich kurz vorher von Jugoslawien abgespalten hatte. «Wir wollten ursprünglich in Kroatien bleiben», sagt Hava Shala Gerguri. Das Ehepaar landete aber im Krieg: Die schon lange schwelenden Kämpfe zwischen der jugoslawischen Armee und kroatischen Truppen hatten die Umgebung von Zagreb erreicht.

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Weil die Gerguris keine Reisepapiere besassen, kauften sie sich auf dem Schwarzmarkt in Zagreb falsche Pässe – mit dem grössten Teil ihres Geldes und einem schlechten Gewissen. «Ich fühlte mich schlecht dabei, aber es war der einzige Weg», sagt Hava Shala Gerguri heute. Über Slowenien und Österreich reiste das Ehepaar zum Schweizer Grenzposten Schaanwald FL. Die Zöllner bemerkten die Fälschung nicht und wünschten freundlich eine gute Reise. Ein Bekannter begleitete die Gerguris dann zum Empfangszentrum in Chiasso, wo sie sich unter ihren richtigen Namen anmeldeten und um Asyl baten. «Der Schweizer Zoll war für mich die Grenze zwischen Terror und Sicherheit», erinnert sich Gerguri elf Jahre später.

Hätten damals die Regeln der SVP-Initiative gegolten, hätten die Schweizer Behörden sie zurück nach Österreich schicken müssen. «Wir wollen die freie Wahl des bevorzugten Asyllands abschaffen», sagt SVP-Nationalrat Fehr, «Flüchtlinge sind in unseren Nachbarländern sicher vor Verfolgung.» Österreich und die Schweiz waren vor elf Jahren für die Gerguris gleich fremd. Das Ehepaar entschied sich für die Schweiz, weil hier ein Freund lebte. «Wer in ein fremdes Land flüchtet, geht in die Dunkelheit. Der Freund war für uns das einzige Licht», erinnert sie sich.

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Ob unsere Nachbarländer Flüchtlinge aus der Schweiz einfach so bereitwillig zurücknehmen würden, wie sich die Initianten das vorstellen, ist zweifelhaft. Fehr verweist auf die geltenden Abkommen mit den Nachbarstaaten, die sie zur Übernahme verpflichteten. Sicher ist: Die Schweiz müsste beweisen, dass der Flüchtling aus dem Nachbarland einreiste. Selbst wenn ein Flüchtling seinen Reiseweg bekannt gäbe, dürfte seine Aussage kaum als Beweis ausreichen. Es bräuchte weitere Belege wie Stempel im Pass, Hotelquittungen oder Zugbillette. «Man muss die Grenzkontrolle verbessern», sagt Fehr, «dann weiss man auch, woher die Flüchtlinge eingereist sind.» Er betont, dass Asylsuchende dazu verpflichtet seien, Belege für ihren Reiseweg beizubringen.

Jenen Flüchtlingen, die nicht in ein Nachbarland zurückgeschafft werden könnten, drohte unter den Bestimmungen der SVP-Initiative ein düsteres Schicksal: Arbeit wäre ihnen nur im Rahmen von staatlichen Beschäftigungsprogrammen erlaubt. Sie wären von der Fürsorge abhängig, die laut Initiative auf «einfache Unterkunft und Verpflegung» sowie medizinische Nothilfe beschränkt wäre.

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Hans Fehr erklärt zwar, dass die Initiative nur Verfassungsnormen festlege, die durch ein Gesetz präzisiert werden müssten. Doch der SVP-Nationalrat möchte den Initiativtext in aller Härte anwenden: «Persönlich bin ich der Auffassung, dass diese gegenüber heute deutlich schlechteren Bedingungen für all jene gelten sollten, die nicht ausgeschafft werden können.»

Hava Shala Gerguri kann sich ein Leben unter solchen Bedingungen nicht vorstellen: «Man würde weder sterben noch leben. Es wäre beinahe wie im Gefängnis.» Sie selber verbrachte ein halbes Jahr in Asylunterkünften – und bemerkte, dass einige Asylbewerber tatsächlich kriminell waren. «Das erste Heim war schlecht geführt. Ich konnte nicht begreifen, wieso Heimleitung und Polizei nicht gegen diese Missstände einschritten.» Sehr wohl fühlte sie sich dagegen im zweiten Durchgangsheim in Winterthur.

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Das Ehepaar Gerguri bemühte sich, schnell auf eigenen Beinen zu stehen. Die zweifache Mutter arbeitet seit Jahren Teilzeit als Spielgruppenleiterin und Vermittlerin zwischen der Kultur ihres Herkunftslandes und der Schweiz. Das in der Initiative vorgesehene Arbeitsverbot bezeichnet sie als «unmenschlich». Erst über die Arbeit erhalte «das Leben in einer Gesellschaft seinen eigentlichen Sinn». Die Argumente der SVP für eine Verschärfung des Asylrechts hält sie für Heuchelei: «Die SVP will überhaupt keine Flüchtlinge aufnehmen, aber es fehlt ihr der Mut, dies offen auszusprechen.» Es gehe nicht an, die echten Flüchtlinge für die Kriminalität der unechten zu bestrafen.

Selbst SVP-Nationalrat Fehr will nicht ausschliessen, dass die Initiative «vielleicht einige wenige echte Flüchtlinge benachteiligen würde – aber niemand wäre an Leib und Leben gefährdet». Für Menschen, die «offensichtlich verfolgt wurden und dies glaubhaft belegen», könnte er sich ein nachträgliches Asylverfahren vorstellen. «Man müsste dies im Gesetz regeln. Eine Verfassungsinitiative kann nicht alle Spezialfälle berücksichtigen.»

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Für solche Nachsicht von Fall zu Fall ist die Initiative aber zu strikt formuliert. Flüchtlinge, die über sichere Drittstaaten einreisen, könnten nach Annahme der Initiative kein Asyl erhalten, erklärt der Bundesrat in seiner Stellungnahme. Möglich wäre allenfalls eine vorläufige Aufnahme. Mit der Initiative «würde die humanitäre Tradition der Schweiz aufgegeben», schreibt die Landesregierung. Für diese Tradition ist Hava Shala Gerguri der Schweiz zutiefst dankbar: «Hier bekam ich wieder Boden unter meine Füsse, und meine Seele konnte heilen.»