Das werde ich in meinem Lebenslauf erwähnen, dass ich diese Schwergewichtsboxmatches gesehen habe. Und diesen Lebenslauf muss man dann in der Kirche nach meinem Tod vorlesen.

Als ich hörte, dass es in der Schweiz WM-Kämpfe im Schwergewicht zu sehen gibt, konnte ich die ganze Nacht nicht schlafen, so aufgeregt war ich. Seit Muhammad Ali 1971 in Zürich war, hat es das in der Schweiz nicht mehr gegeben. Und damals fehlten mir die 270 Franken für den Eintritt.
Jetzt kaufte ich mir natürlich ein VIP-Ring-Ticket. Das kostete mich als Hausfrau zwar ein Vermögen: 1100 Franken. Aber das war es wert. Vor einem Jahr sass ich in der Basler St. Jakobshalle in der vierten Reihe, gleich hinter den prominenten Leuten, meist Boxer und Trainer. Und die sprach ich natürlich auch an. Don King, den berühmten Trainer von Muhammad Ali und Box-Promoter mit der weissen Mähne, oder Arthur Abraham, den aktuellen Weltmeister im Mittelgewicht. Der hatte vor zwei Jahren einen doppelten Kieferbruch und boxte trotzdem weiter. Das sind zähe Männer. Das gefällt mir schon, obwohl ich Brutalität gar nicht mag. Ich freue mich immer, wenn sie sich nach dem Match in die Arme nehmen.

Nachtschicht vor dem Fernseher
Ich liebe es, wenn die Boxer im wogenden Umhang wie Götter im Scheinwerferlicht bei pompöser Musik in den Ring steigen und es dann losgeht. Ich werde ganz kribbelig, wenn ich nur schon davon erzähle. Jener Match war dann aber schon nach drei Runden fertig, weil dem Herausforderer Jameel McCline gegen Schwergewichtsweltmeister Nikolai Walujew die Kniescheibe aus dem Gelenk sprang. Uiii - hat das Publikum gepfiffen. Die wollten natürlich mehr sehen. Aber ich war traurig. Ich weiss nämlich, wie weh das tut, weil mir das wiederholt auch schon passiert ist.

Zum Boxen kam ich wegen meines Vaters, der trainierte in einem Boxklub in Aarau und meinte: «Das tuet mir aubä leid, wenn ich öpperem d Schnorre muess verhaue.» Immer um vier Uhr morgens stand er auf, um die Übertragungen der Kämpfe aus Amerika am Radio zu hören und später am Fernseher zu schauen. Ich war erst sechs Jahre alt damals, aber ich stand extra auch auf, um zum Vater in die Stube zu schleichen und mit ihm die Kämpfe zu verfolgen. Das war unser Ding. Auch als ich heiratete, machte ich jeweils mit meinem Vater ab, dass wir uns die Kämpfe anschauen und danach am Telefon darüber fachsimpeln. Mein Mann hat keine Beziehung zum Boxen. Er liess mich aber gewähren. Es hat ihn nur genervt, wenn der Wecker jeweils morgens um drei Uhr losging und ich aufstand. Leider gibt es nur etwa einmal im Jahr eine solche Übertragung. Darum war ich völlig aus dem Häuschen, als ich hörte, dass es im Januar letzten Jahres in der Schweiz live einen Schwergewichtsmatch geben soll.

Und dann fand im Dezember gleich noch ein zweiter grosser Boxanlass in der St. Jakobshalle statt: Arthur Abraham, der amtierende Weltmeister im Mittelgewicht, musste seinen Titel gegen Herausforderer Wayne Elcock verteidigen. Klar wollte ich wieder hin, aber nochmals 1000 Franken für ein Ticket wäre zu teuer gewesen. Da gewann ich bei einem Wettbewerb der «Aargauer Zeitung» zwei Tickets für den Match! Ich war so glücklich. Mit meinem Bruder ging ich hin. Dieser Kampf hat fünf Runden gedauert. Abraham schlug Elcock in der fünften Runde k.o. - der sah dann schon etwas abgeändert aus. Aber die haben ja ihre Betreuer und Ärzte. Schon nach einer halben Stunde war der wieder hergerichtet. Abraham lässt seine Gegner boxen, bis sie müde sind. Dann schlägt er zu.

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Die Boxer sofort päcklen
An jenem Abend Anfang Dezember gab es noch sieben weitere Kämpfe. Es boxte zum Beispiel auch Danny Williams. Der gefällt mir, weil er schon Mike Tyson k.o. geschlagen hat. Mit Tyson habe ich nämlich etwas Mühe, weil er einem Gegner mal ein Stück Ohr abbiss. Williams Kampf in Basel wurde in der vierten Runde abgebrochen, weil sein Gegner am Auge heftig blutete. Aber als er den Ring verliess, ging ich gleich zu ihm und fragte, ob mein Bruder ein Foto von ihm und mir machen dürfe. Der war noch ganz verschwitzt, aber es war meine einzige Chance. So habe ich jetzt dieses Foto mit Williams. Mein Sitzplatz war zum Glück gleich beim Aufgang. Darum konnte ich die Boxer sofort päcklen. Es lohnt sich, freundlich zu fragen. Die machten alle mit, obwohl sie ja teilweise bluteten und unter die Dusche wollten.

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Mein Leben dreht sich aber nicht nur ums Boxen. Ich spiele als Alleinunterhalterin an Geburtstagen, Klassenzusammenkünften oder Altersnachmittagen. Es ist das Grösste, wenn ich 100 fröhliche Gesichter vor mir sehe. Auch sammle ich Handorgeln, ich habe schon 43, und ich schreibe Zierschriftbriefe an Prominente. Ich freue mich jeweils sehr, wenn zum Beispiel Gerhard Schröder, der Papst oder Moritz Leuenberger antworten.

Ich habe auch schon Frauen boxen gesehen. Aber das gefällt mir nicht. Eine Frau ist doch stolz, wenn sie auch im hohen Alter noch ein schönes Gesicht hat. Bei Männern ist das anders. Die müssen nicht schön sein, sondern interessant. Trotzdem sähe ich es gar nicht gern, wenn zum Beispiel einer meiner drei Enkel boxen würde. Weder sie noch eine meiner drei Töchter teilen meine Faszination für das Boxen. Es ist wohl eine persönliche Sache zwischen mir und meinem Vater, der vor einiger Zeit gestorben ist. Ihn nehme ich im Herzen an jeden Match mit.

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Quelle: Stephan Rappo