Nach einer knappen halben Stunde wird es Elisabeth zu viel. Die 16-Jährige muss sich abseits hinsetzen, etwas trinken, sich sammeln. Eben hat Ausstellungsführer Martin Studer erklärt, wozu das dünne, farbige Band dient: Flüchtlingskindern unter fünf Jahren wird damit in den Lagern der Umfang des Oberarms gemessen. Reicht das Messband bis zur grünen Markierung, ist das Kind normalgewichtig, bei Orange sind Abklärungen nötig, zeigt es Rot, ist das Kind schwer unterernährt.

Als die Teenager der Münchner Schulklasse realisieren, dass der Arm eines hungernden Kinds kaum dicker ist als Martin Studers Daumen, sind sie einen Moment lang betreten. Und Elisabeth, die schon bei den vorherigen Stationen des «Flüchtlingslagers» immer bleicher wurde, muss eine Auszeit nehmen.

Und es kommt noch schlimmer. Wenig später müssen sich die Gymnasiastinnen mit Cholerakranken befassen. Warum hat die Liege im Krankenzelt ein Loch in der Mitte? Die Erklärung ist simpel – und gleichzeitig schockierend: Wer unter Cholera leidet, also Brechdurchfall hat, ist so geschwächt, dass er es nicht zur Latrine schafft; aus diesem Grund stellen die Betreuer einen Kübel unter das Loch. Elisabeth, eben erst zur Gruppe zurückgekehrt, verliert den letzten Rest ihrer spärlichen Gesichtsfarbe. Wie es in einer Cholerastation wirklich riecht und aussieht, wagen sich die Teenager gar nicht auszumalen.

Die Klasse ist völlig unvorbereitet

Doch genau das ist das Ziel von «Überleben auf der Flucht», einer Wanderausstellung der 1999 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Freiwilligenorganisation Médecins sans frontières (Ärzte ohne Grenzen). Fast zum Anfassen soll Jugendlichen ab zehn Jahren das Leben in einem Flüchtlingslager irgendwo auf der Welt näher gebracht werden. Im November ist die Ausstellung in Zürich zu Gast (siehe «Weitere Infos»).

Angefangen hat der Ausstellungsbesuch um neun Uhr morgens fast gemütlich. Als Erstes dürfen die zehn jungen Schülerinnen des Münchner Theresia-Gerhardinger-Mädchengymnasiums ins traditionelle Tukul-Zelt, wie es etwa in Uganda zum Einsatz kommt. In der für sechs Leute geplanten Notunterkunft ist es eigentlich viel zu eng, trotzdem finden es die Schülerinnen ganz heimelig. In krassem Gegensatz zur aufgeräumten Stimmung der jungen Besucherinnen versucht der Zürcher Martin Studer ein paar Fakten rüberzubringen. «Was ist für euch ein Flüchtling?», fragt der ausgebildete Logistiker, der für Ärzte ohne Grenzen bisher siebenmal in Krisengebieten im Einsatz war. Ein verlegenes Lachen hier, betretenes Zu-Boden-Schauen dort. Niemand sagt etwas.

Die Klasse, das wird sich auf dem Rundgang noch mehrmals zeigen, ist völlig unvorbereitet. Das von Médecins sans frontières zur Verfügung gestellte Lehrmaterial blieb unberührt; die Lehrerin – sie selbst ist nicht anwesend – schickte ihre Schülerinnen einfach in die Ausstellung, und das am letzten Schultag vor den Ferien. «Zum Glück eine Ausnahme», kommentiert Studer, der die Schulklassen durch die Ausstellung führt.

«Warum flüchtet jemand aus seinem Heimatland?» Auf die nächste Frage kommen, wenn auch scheu, immerhin zwei Antworten: «Krieg», sagt Bettina. «Naturkatastrophen», ergänzt Sabrina – und Martin Studer atmet drei Sekunden lang auf. Doch kein hoffnungsloser Fall, diese Mädchenklasse! Aber während er in einfachen Sätzen den Unterschied zwischen Vertriebenen und Flüchtlingen erklärt (Erstere suchen in ihrem eigenen Land eine neue Unterkunft und sind deshalb nicht durch die Uno-Flüchtlingskonvention geschützt, Letztere fliehen ins Ausland), kratzt Carolin an ihren lackierten Nägeln. Weiter hinten im Zelt kichern zwei Mädchen. Weltweit sind, so erzählt Studer, 40 Millionen Menschen auf der Flucht.

Nach drei Minuten dürfen die Girls das Zelt wieder verlassen – inzwischen finden sie es unbequem und klagen beim Rauskriechen über schmerzende Beine. Noch kurz das aus fünf alten Spraydosen zusammengebastelte Spielzeugauto aus einem Flüchtlingslager in die Hand nehmen und in die aus Autoreifen zurechtgeschnittenen «Sandalen» schlüpfen, dann gehts weiter zur nächsten Station, wo übers Impfen informiert wird.

Auch hier zeigen sich die Mädchen aufmerksam – nicht wissbegierig, viel eher höflich-distanziert, die Arme bleiben verschränkt. «Eher ungewöhnlich», kommentiert Martin Studer später. «Die meisten Mädchen in diesem Alter zeigen Emotionen, wenn sie mit der brutalen Realität eines Flüchtlingslagers konfrontiert werden.» Zudem kämen häufig Fragen, ob es denn helfe, wenn man etwa ein Flüchtlingskind adoptiere.

2100 Kalorien braucht man täglich

Der Latrinenbau ist nicht jederfraus Sache. Die zurückhaltenden Münchner Schülerinnen rümpfen beim Anblick des Bretterhäuschens etwas indigniert die Nase. Dabei erläutert Studer soeben die «Luxusausführung» mit einem Abluftrohr und einem Gitter, um die Fliegen abzuhalten. Die Zweifel bei den Mädchen bleiben; das Klo ist bloss zu Demonstrationszwecken da und kann nicht ausprobiert werden.

Lieber wenden sie sich einem appetitlicheren Thema zu: dem Essen. Wie viele Kalorien braucht man täglich fürs Überleben? Die Ausstellungsbesucherinnen schweigen beharrlich, bis Studer die Stille durchbricht: 2100 Kalorien. Der durchschnittliche Westeuropäer isst jeden Tag das Anderthalbfache. In der Klasse der 16- bis 17-jährigen Gymnasiastinnen liegt der Wert wohl näher bei jenem des Flüchtlingslagers – das lassen jedenfalls die eng anliegenden Jeans vermuten.

Immerhin passiert endlich etwas: Die Guetsli, die die Flüchtlinge zu essen kriegen, können probiert werden. Ein Päckchen des offiziell BP-5 genannten Proteinriegels liefert genau die überlebensnotwendigen 2100 Kalorien. «Staubtrocken», stellt Laura nach dem ersten Bissen fest, während die Brösmeli zu Boden fallen; andere greifen nach ihren Wasserfläschchen im Handgepäck. Der Gedanke, dass es im Lager in den ersten Tagen das und nur das zu essen gibt, lässt die an frischen Salat und knackiges Gemüse gewöhnten Mädchen erschaudern. Erst nach einiger Zeit stehen im Flüchtlingslager Reissäcke, Getreide, Bohnen und Zucker zur Verfügung, um eine ausgewogene Ernährung zu gewährleisten.

Und Wasser? Wie viel Flüssigkeit braucht ein Flüchtling irgendwo in der Wüste zum Überleben? «30 Liter?», antwortet Sabrina und dreht am goldenen Ohrring. Doch so viel gibts nicht immer. Drei bis fünf Liter Trinkwasser täglich müssen genügen, dazu kommen 20 Liter Wasser fürs Wäschewaschen und für die Körperpflege. In einem Lager mit 10000 Flüchtlingen macht das 200000 Liter jeden Tag – das sind 200 der mannshohen Wassersäcke, vor denen die Schülerinnen gerade stehen.

Woher kommen die? Wieder getraut sich keines der Mädchen, etwas zu sagen. Martin Studer deutet auf eine Infotafel, auf der ein Brunnen abgebildet ist. «Man findet an erstaunlich vielen Orten Wasser», sagt der Katastrophenhelfer. Bloss sei es häufig zu wenig sauber – also werde gechlort. Ob die Wasserqualität in Ordnung ist, zeigt ein einfaches Messgerät, das die Schülerinnen in die Hand nehmen dürfen. Je röter sich die in einem Reagenzgläschen befindliche Lösung verfärbt, desto chlorhaltiger ist das Wasser. Ideal ist «rosa», mit einem Chlorgehalt von 0,3 Milligramm pro Liter.

Flüchtlinge leben oft Jahre im Lager

Nach dem Besuch des Landminenfelds gehts noch ins Gesundheitszelt. «Clever» finden die jungen Frauen die bildlich einfach umgesetzten Einnahmeempfehlungen für die abgegebenen Medikamente: mit Sonnen- und Mondsymbolen für die Tageszeiten und ganzen, halbierten oder geviertelten Tabletten für die Dosis. Staunend nehmen sie hingegen zur Kenntnis, dass in den Flüchtlingslagern die am häufigsten auftretenden Krankheiten wie Malaria, Durchfall oder Atemwegserkrankungen mit nur wenigen Medikamenten behandelt werden müssen. Wem diese nicht helfen, der wird in ein Spital überführt, falls eines vorhanden und erreichbar ist – oder er stirbt.

Flüchtlinge bleiben im Normalfall Monate oder gar Jahre in einem solchen Lager, für die Schülerinnen ist die Stippvisite nach 45 Minuten vorbei. Erschöpft setzen sie sich auf die Freitreppe vor dem König-Ludwig-Denkmal auf dem Odeonsplatz im Zentrum Münchens. Elisabeth, der während der Führung zweimal schlecht wurde, beisst beherzt in ein Sandwich.

Weitere Infos

Die Ausstellung «Überleben auf der Flucht» ist zu sehen vom 4. bis 27. November 2005 im EWZ-Unterwerk Selnau an der Selnaustrasse 25 in Zürich; zu Fuss sind es zehn Minuten vom Hauptbahnhof.

Die Ausstellung ist werktags von 9 bis 19 Uhr geöffnet, samstags und sonntags jeweils von 12 bis 16 Uhr; sie richtet sich in erster Linie an Schulklassen (ab zehn Jahren), kann aber auch von Familien oder Einzelpersonen besucht werden. Der Eintritt ist frei. Schulen können sich für Führungen anmelden unter Telefon 044 385 94 46.

Nähere Informationen: www.msf.ch – «Überleben auf der Flucht» anklicken.

Quelle: Stephan Sahm
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