Antwort von Koni Rohner, Psychotherapeut FSP:

Sie sollten sich nicht mit der Vergangenheit Ihrer Freundin beschäftigen. Sich vorzustellen, wie sie mit andern Männern zusammen war, ist nur quälend und bringt sonst nichts. Die Vergangenheit ist vorbei, also Schwamm drüber. Wichtig sind Gegenwart und Zukunft. Können Sie Ihrer Freundin vertrauen? Lieben Sie sie und fühlen Sie sich geliebt? Stimmt die ­Beziehung? Funktioniert die Kommunikation? Gibt es Gefühle der Solidarität? Können Sie sich aufeinander verlassen? Ist die Beziehung das, was Sie brauchen?

Da Sie einen Engel vermissen, kommen Ihnen meine Fragen wohl etwas prosaisch vor. Aber Liebesbeziehungen finden in der Realität und nicht im Himmel statt. Sie ­haben keine Chance, Ihren Engel zurückzugewinnen. Weil Ihre Freundin nie ein Engel war. Sie war immer eine junge Frau aus Fleisch und Blut. Wenn Sie Ihre Freundin ernst nehmen, sollten Sie versuchen, sie so wahrzunehmen, wie sie wirklich ist, und dürfen sie nicht als Figur, eben zum Beispiel als Engel, in Ihre romantischen Träume einsetzen.

Menschen besitzt man nicht

Ich glaube auch nicht, dass irgendjemand – auch Sie nicht – ihr kleines zierliches Mädchen haben kann oder je gehabt hat. Haben heisst so viel wie besitzen – und besitzen kann man Gegenstände; Menschen jedoch wollen nicht Eigentum sein, Ihre Freundin sicher auch nicht. Vergessen Sie also Ihre Phantasien und Ansprüche, landen Sie auf der Erde und öffnen Sie sich für das ­wirkliche Wesen Ihrer Freundin und für die realen Aspekte der Beziehung.

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Möglicherweise gehört zur ersten Verliebtheit immer etwas Realitätsverkennung. Psychologen sprechen von Projektionen. Ein Bild aus der ­eigenen Seele, eine Phantasie, ein Idealbild wird auf den neuen Partner projiziert. Was man liebt, ist nicht der andere, sondern das eigene Wunschbild. Wenn das Phänomen nicht gegenseitig ist, spürt dies der Mensch, der als Projektionsfläche dient, oft und fühlt sich nicht wirklich wahrgenommen oder gar missbraucht. Zudem ist es anstrengend bis unmöglich, längere Zeit Traummann, Traumfrau oder eben ein Engel zu sein.

Wenn es um Beziehungen geht, stecken wir in unserer Kultur nicht selten in einem Dilemma. Einerseits gibt es das Ideal der romantischen Liebe. Die Gefühle sollen wegweisend sein, die Partnerwahl hat nur dem Herzen zu folgen. Anderseits ist eine Beziehung – und noch viel mehr eine ­Familie – so etwas wie ein Unternehmen. Es braucht Kommunikation, Kooperation, Loyalität, Übereinstimmung über die Ziele und die Mittel, und nicht zuletzt müssen auch die Finanzen stimmen.

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Darum sollte nüchtern prüfen, wer sich (wenn auch nicht mehr immer für «ewig») bindet. Die romantische Liebe gedeiht am besten in der spontanen Freiheit, eine länger dauernde Beziehung dagegen braucht Stabilität und klare Regeln. Glücklich ist, wer beides unter einen Hut bringen kann.

Hollywood lässt grüssen

Vielleicht entsteht aber auch nur ein Dilemma, weil unsere Vorstellung von der Liebe zu eng ist. Die wahre Liebe gibt es nämlich gar nicht. Es gibt hundert oder tausend verschiedene Formen: mal intensiver, mal weniger intensiv, mal leidenschaftlicher, mal ruhiger, mal körperlicher, mal geistiger, mal fordernder, mal bedingungsloser. Mal vorübergehend, mal tief und lang anhaltend.

Zu dieser Tatsache passt, dass es in ­Korea bis ins 20. Jahrhundert keine Entsprechung zum englischen Wort «Love» gegeben hat, aber ein ganzes Spektrum von Wörtern für unterschiedliche «Nähe-Beziehungen».

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Wahrscheinlich haben wir einfach zu viele Hollywoodfilme gesehen, wenn wir die eine grosse Liebe suchen und diese auch noch mit lebenslanger Partnerschaft und Familie verbinden wollen. Wir fahren mit Sicherheit besser, wenn wir uns dem Boden etwas nähern.