Ein typischer Streit: Sie versucht sich zu erklären, er schweigt, schliesslich werden beide laut. Auch Esther Haas aus Cham ZG kennt dieses typische Muster aus ihrer früheren Ehe. Seit einem Jahr lebt sie in einer neuen Beziehung. Letzten Herbst machte sie mit ihrem Partner am Kurs «Ein fairer Streit stärkt die Beziehung» mit, der von der Paar- und Familienberatung der Zuger Frauenzentrale veranstaltet wurde. Rein vorbeugend, wie sie betont. Mit Haas und ihrem Partner nahmen insgesamt sechs Paare teil.

Geschiedene nennen als Trennungsgründe häufig zu viel Streit und gegenseitiges Unverständnis. «Doch damit beschreiben sie eigentlich nur den Endzustand», sagt Annette Cina Jossen, Oberassistentin am Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Freiburg, das vor einiger Zeit eine Studie zur Scheidungsprophylaxe durchgeführt hat. Dabei hatten 114 Paare an einem zweitägigen Stresspräventionstraining für Paare teilgenommen.

Danach wurde ihr Verhalten während zweier Jahre mit dem einer Kontrollgruppe verglichen. Es zeigte sich, dass jene Paare, die ein Training durchlaufen hatten, den alltäglichen Stress besser bewältigten, mehr miteinander sprachen und in ihrem Verhalten bei Konflikten besser abschnitten. Auch die allgemeine Zufriedenheit mit der Beziehung stuften sie höher ein. Seither bietet das Institut das Freiburger Stresspräventionstraining für Paare (FSPT) an. Nachfrage besteht: Allein letztes Jahr besuchten 180 Paare das Training.

«Prophylaxe heisst, Stress in Grenzen halten, Krisenzeiten erkennen, sich miteinander ehrlich austauschen und Konflikte austragen», bringt Psychologin Cina Jossen das Ziel auf den Punkt. Dafür brauche es Selbstkompetenz. «Denn Probleme, die nicht angegangen werden, belasten die Partnerschaft immer stärker.»

Doch gibt es den richtigen Zeitpunkt für eine solche Prophylaxe? «Sinn macht eine Beratung dann, wenn das Paar bei Konflikten immer wieder an derselben Stelle hängen bleibt und das Gefühl hat, die Partnerschaft trete an Ort.» Doch gelingen könne eine Intervention nur, wenn beide Partner noch immer Interesse aneinander haben. Hat sich einer bereits von der Beziehung verabschiedet, stösst das Training ebenso wie Paartherapien an Grenzen.

«Der Kurs in Zug brachte viel», sagt Esther Haas rückblickend. Etwa die Erkenntnis, dass es beim Streiten tatsächlich geschlechtsspezifische Muster gibt: Frauen schütten eher einfach einmal das Herz aus, Männer suchen sofort Lösungen oder lassen sich gar nicht auf das Problem ein. «Es wurde mir viel bewusster, wie stark ich selber an jeder Art von Konflikt beteiligt bin», sagt die Berufsschullehrerin und Mutter von vier Kindern.

Streiten als etwas Positives begreifen
«Streiten ist wichtig, denn es ermöglicht den Kontakt zueinander, signalisiert dem Gegenüber, dass es das offene Gespräch wert ist», erklärt die Psychotherapeutin und Mediatorin Tess Wolfensberger, die zusammen mit einem Kollegen die Kurse in Zug leitete. Allzu oft werde Streit aus Angst vor Verletzungen vermieden, oder Konflikte eskalieren zu einem destruktiven Dauerstreit, lautet ihre Erfahrung als Paartherapeutin.

Wolfensberger nennt vier Hauptmechanismen, die eine Paarbeziehung ruinieren: Kritik als Schuldzuweisung und Anklage, Abwehr und Verteidigung mittels Rechtfertigung, Verachtung und Geringschätzung des Partners und die Demonstration der eigenen Macht. «Im Kurs soll das Streitverhalten positiv besetzt werden», betont sie. Oft bedeute das zuerst, die tief verwurzelte Abwehr gegen das Streiten zu durchbrechen.

Das Zivilgesetzbuch schreibt vor, dass Kantone für Paare in Schwierigkeiten Beratung anbieten müssen. Die bekannteste Form ist die Paartherapie, die auch Esther Haas während ihrer Ehe machte. Sie sagt aber: «Der Zugang zu einem Kurs ist einfacher, denn er ist ja eigentlich eine Weiterbildung wie andere auch.» Selbstverständlich ist sie in diesem sensiblen Bereich allerdings nicht. Auch ihr Partner reagierte erst mit Ablehnung. Als wichtigste Motivation für den Kursbesuch nennt sie ihre eigenen Erfahrungen. «Es ist Prävention in einem Zeitpunkt, wo wir als Paar noch nicht festgefahren sind.»

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Unfaire Kritik ist nicht erlaubt
Als positiv am Kurs erlebte sie, dass man stärker als in der Therapie bereit sein muss, sich gemeinsam zu exponieren. Die Kursteilnehmenden brachten unterschiedliche Beziehungsmuster ein. Mit dabei war auch ein Paar, das bereits vor dem Kurs die Absicht gehabt hatte, sich zu trennen. Auch während der Trennung hängt viel von der Streitkultur ab. Aber: «Bei einer Scheidung dürfen die Fetzen fliegen», betont die Zürcher Scheidungsanwältin Viviane Lüdi. Mit dem früher geltenden Schuldprinzip sei das Paar gezwungen gewesen, sich wichtigen Konflikten zu stellen - was bei einvernehmlichen Scheidungen häufig zu kurz kommt. «Wenn die Konflikte dann später doch noch ausbrechen, geschieht dies oft auf sehr destruktive Art.» Die fehlende Aufarbeitung führt auch dazu, dass sich die Partner nicht voneinander lösen können.

Am Anfang des Kurses wird ein klarer Rahmen abgesteckt. Erlaubt sind nur Ich-Aussagen, unfaire Kritik wird gestoppt, und die einzelnen Teilnehmenden können sich jederzeit abgrenzen. Als wichtige Lernstationen nennt Esther Haas die nach Geschlecht getrennten Gespräche, die Hausaufgaben für gemeinsame Auseinandersetzungen mit dem Partner und die Konfrontation mit Streitmustern während Rollenspielen. «Das wichtigste Ergebnis ist für mich, dass ich das eigene Streitverhalten besser beurteilen kann.»

Nützlich seien auch die konkreten Kommunikationsregeln. «Diese wenden wir nun wie eine Art Basics oder Widerhaken an, die einem mitten im Streit in den Sinn kommen.» Drei Monate nach dem Kurs zieht sie das Fazit: «Wir streiten heute anders, weniger verletzend.» Und sie fügt hinzu: «Das Gelernte muss dann aber wohl von Zeit zu Zeit wieder aufgefrischt werden.»

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Buchtipps

  • George R. Bach, Peter Wyden: «Streiten verbindet. Spielregeln für Liebe und Ehe»; Fischer-Verlag, 2004, 296 Seiten, CHF 18.10
  • Guy Bodenmann: «Beziehungskrisen erkennen, verstehen, bewältigen»; Huber-Verlag, 2005, 166 Seiten, CHF 34.90
  • Allan Guggenbühl: «Hast du mal Zeit für einen Streit? Wie Männer und Frauen fair miteinander streiten»; Herder-Verlag, 2004, 192 Seiten, CHF 23.50
  • Daniel Trachsel: «Trennung - von der Krise zur Lösung. Kinder, Rechtliches, Finanzen»