Antwort von Koni Rohner, Psychotherapeut FSP:

Gefühlsarmut ist ein hartes Wort – doch grundsätzlich trifft beides zu: Der Umgang mit Gefühlen ist ­einerseits genetisch begründet, er kann anderseits aber auch erlernt werden.

Menschen haben von ihrer Anlage her die Fähigkeit zur Einfühlung, zur Empathie. 2010 wies ein Forschungsteam in Los Angeles nach, dass im menschlichen Gehirn sogenannte Spiegelneuronen ­arbeiten. Diese speziellen Nervenzellen sorgen dafür, dass, wenn einem anderen Schmerzen zugefügt werden, man ähnlich reagiert, als ob man die Schmerzen selber erleiden würde. Das ist die Grundlage der Empathie. Was die Hirnforschung heute bewiesen hat, wusste vor 250 Jahren bereits der Philosoph Jean-Jacques Rousseau, der neben dem Selbsterhaltungstrieb als zweiten Grundzug des Menschen erkannte, dass es für uns schwer sei, «andere leiden oder sterben zu sehen».

Kindheitserfahrungen sind entscheidend

Es gehört also zur seelischen Grundausstattung des Menschen, nicht nur Gefühle zu haben, sondern auch die Gefühle anderer zu erkennen. Diese Fähigkeit ist allerdings unterschiedlich stark ausgeprägt. Die US-Forscher John Mayer und Peter ­Salovey haben dafür 1990 den Begriff «emotionale Intelligenz» geprägt, der Journalist Daniel Goleman hat ihn mit ­seinem Bestseller 1996 populär gemacht. Laut Definition bedeutet emotionale Intelligenz: wissen, was man fühlt – und diese Gefühle handhaben können, ohne davon überwältigt zu werden. Zudem: Gefühle in die Tat umsetzen können; spüren, was andere fühlen, und schliesslich mit Beziehungen fruchtbar umgehen können. Mayer und Salovey haben 2004 einen Test entwickelt, mit dem man emotionale Intelligenz messen kann.

Wie gut der Zugang zu den ­eigenen Gefühlen ist, hängt stark von der emotionalen Umgebung in der frühen Kindheit ab. Gute ­Eltern reagieren auf positive und negative Gefühle ihrer Kinder akzeptierend. Sie können zum Beispiel zeigen, dass sie einen Wutausbruch ver­stehen, ohne ihn zu billigen. Was von den Eltern dagegen permanent abgelehnt, verurteilt oder ignoriert wird, verschwindet aus dem Bewusstsein. Das Gefühlsleben verarmt um diese Aspekte. Wenn gewisse Gefühle in der Kindheit nicht sein durften, sind sie auch im Erwachsenenleben nicht mehr spürbar. Bei Männern sind das oft Gefühle der Schwäche, der Trauer und der Verzweiflung («Indianer kennen keinen Schmerz»), bei Frauen sind es eher Wut und Aggression («Wutanfälle sind unweiblich»). In einer Psychotherapie kann man glücklicherweise sein Gefühlsspektrum wieder vergrössern. Wer seinen Gefühlen regelmässig Aufmerksamkeit schenkt und sie nicht unterdrückt, lernt dabei, sie zu handhaben, ohne davon überwältigt zu werden.

Sich nicht in fremden Gefühlen verlieren

Die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, verläuft parallel zur Wahrnehmung der ­eigenen Gefühle. Wichtig ist aber, klar zu trennen, was eigene und was fremde Gefühle sind. Sonst bricht man selber in Tränen aus, wenn man jemanden trösten will – oder verliert selber den Lebensmut, wenn man sich in einen depressiven Menschen einfühlt. Auch diese Unterscheidung kann man lernen oder muss es sogar, wenn man in ­einem helfenden Beruf tätig ist.

Wer ausdrücken kann, was er fühlt, wer aber auch nachfühlen kann, wie es aus der Sicht des andern aussieht, der ist sehr gut gerüstet, um zwischenmenschliche Konflikte zu lösen. Meist geht es dabei nämlich ebenso sehr um Gefühle wie um die Sache. Emotionale Intelligenz ist der wichtigste Baustein jeder Sozialkompetenz und ist in privaten Beziehungen ebenso nützlich wie im Beruf.

Buchtipps

  • Daniel Goleman: «EQ. Emotionale Intelligenz»; ­Deutscher Taschenbuch Verlag, 2007, 422 Seiten
  • Daniel Goleman (Hrsg.): «Die heilende Kraft der Gefühle. Gespräche mit dem Dalai Lama über Achtsamkeit, Emotion und Gesundheit»; Deutscher Taschenbuch Verlag, 2008, 304 Seiten