Beobachter: Frau Haebler, kommen viele Paare zu Ihnen, die sich im Urlaub zerstritten haben?
Claudia Haebler
: Eigentlich nicht.

Beobachter: Stimmt es also nicht, dass sich Paare in den Ferien besonders häufig streiten?
Haebler
: Ich glaube, das liegt eher an der Erwartung, dass Ferien immer perfekt sein müssen. Wenn ausgerechnet dann die Stimmung schlecht ist, wiegt das schwerer als im Alltag. Ferien sind nur für Paare problematisch, bei denen unangesprochene Konflikte schwelen.

Beobachter: Wer Ferien geniessen will, sollte also erst über Probleme sprechen?
Haebler
: Eigentlich sollte man das in ­einer Beziehung sowieso tun.

Beobachter: Manche Paare merken in der Fe­rienzeit aber auch, dass sie sich langweilen und nichts zu reden ­haben.
Haebler
: Das kann auch eine Alarm­glocke sein. Es gibt Paare, die ein sehr reges Sozial­leben haben und auch oft mit Freunden ver­reisen. Aber wenn sie dann auf sich selbst zurückgeworfen werden, wissen sie plötzlich nichts mehr miteinander anzufangen.

Beobachter: Beziehungen funktionieren also besser, wenn man sich nicht zu sehr mit dem Partner auseinandersetzen muss?
Haebler
: Nein, im Gegenteil: Es ist wichtig, dass man der Zweisamkeit schon im Alltag genug Platz einräumt.

Beobachter: Wäre es nicht auch eine Lösung, einmal eine Woche getrennt zu verreisen, damit man sich etwas zu erzählen hat?
Haebler
: Neue Inhalte zu schaffen kann sicher helfen. Aber es muss für beide stimmen.

Anzeige

Beobachter: Wenn einer allein verreisen will und der andere nicht, gibt es keinen Kompromiss, der beide zufriedenstellt.
Haebler
: Doch, denn wenn sich jeder Partner in den anderen einfühlt, kann man einander viel eher entgegenkommen. Wenn beispielsweise sie nicht will, dass er mit seinen Freunden auf eine zweiwöchige Mountainbike-Tour geht, muss er ihr erklären, was ihm daran wichtig ist – dafür darf sie vielleicht das nächste Mal den Ferienort bestimmen.

Beobachter: Gibt es typische Fallen, auf die Paare in gemeinsamen Ferien achten können?
Haebler
: Man sollte Ferienstress vermeiden. Das ist allerdings gar nicht so einfach: Für die einen ist viel Sport Stress, die anderen werden nervös, wenn sie tagelang am Strand herumliegen müssen. Auch hier braucht es das Gespräch über unterschiedliche Bedürfnisse.

Anzeige

Beobachter: Was ist zu tun, wenn in den Ferien trotz allem Missstimmung aufkommt?
Haebler
: Dann muss man sich dem Problem stellen und es ausdiskutieren. Allerdings nicht am Stück: Man sollte sich mal eine Stunde Zeit nehmen. Wenn das Problem weiter besteht, ist am nächsten Tag eine weitere Gesprächsrunde fällig.