Sicher nicht. Zwar gibt es tatsächlich das Vorurteil, Singles seien Eigenbrötler und sozial inkompetent – aber auch das Gegenteil: Wer nie allein gelebt habe, sei abhängig und unselbstständig. Dass Sie der Vorwurf der Freundin verletzte, sollten Sie allerdings zum Anlass nehmen, über Ihren Lebensstil nachzudenken. Sind Sie seit dem Scheitern Ihrer Beziehung ein «gebranntes Kind» und schrecken aus Angst vor neuen Verletzungen vor jedem intensiven Engagement zurück? Oder haben Sie jetzt den Lebensstil gefunden, der zu Ihnen passt und Ihre Bedürfnisse erfüllt?

Fachleute schätzen, dass das Alleinleben in unserer Kultur bereits die verbreitetste Wohnform ist. Die 30- bis 35-Jährigen machen den grössten Anteil aus. Sie haben diesen Lebensstil meist freiwillig gewählt, weil sie sich durch Beziehungen eingeengt fühlen. Lieber konsumieren sie unbeschwert und wollen sowohl im Arbeits- als auch im Privatleben flexibel sein.

Ganz ohne Kontakte geht es trotzdem nicht
Nichtsdestotrotz: Der Mensch ist ein Gesellschaftswesen. In Urzeiten konnte er den Gefahren der Natur nur in Gruppen trotzen. Kleine Kinder brauchen zum Überleben die enge Verbindung zu Pflegepersonen. Erst allmählich lernen sie das Alleinsein, denn sie möchten nicht am Schürzenzipfel der Mutter hängen bleiben, sondern die Welt erobern, Selbstständigkeit erlangen und sich unabhängig und autonom fühlen können. Oft brauchen sie dazu so genannte Übergangsobjekte wie ein Fell oder Kuscheltiere, die die Mutter vertreten.

Der Wunsch nach dem Alleinsein ist folglich ebenso normal wie der Wunsch nach Gemeinschaft. Viele Singles geben in Befragungen an, Selbstentfaltung und Kommunikation seien für sie das Wichtigste im Leben. Jungen Singles empfehle ich, die Freiheit genauso zu geniessen wie den Reichtum wechselnder Begegnungen und die finanzielle Ungebundenheit. Eine Gefahr dieser Lebensweise sehe ich lediglich darin, dauernd nach Ablenkung zu suchen und folglich mehr durch die Welt zu hetzen, als sie zu erleben.

Für ältere Singles wird es zunehmend wichtiger, die eigene Lebensweise zu reflektieren und bewusst zu gestalten. Auch sollte man nicht die Augen vor den negativen Aspekten verschliessen, dem Gefühl der Einsamkeit etwa. Denn nur wer die Schattenseiten erkennt, kann die Angst davor vermindern. Ausserdem ist es ratsam, selbst wenn man keinen Partner und keine Familie hat, sich für die Gemeinschaft einzusetzen – sei es im Beruf oder in der Freizeit. Das stärkt die Solidarität in beide Richtungen und schützt vor Isolation.

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