Dass Frauen öfter aus dem Gefühl heraus handeln und Männer glauben, für jede Entscheidung eine sachlich überzeugende Erklärung vorweisen zu müssen, ist sicher richtig. Ob dieses unterschiedliche Verhalten aber angeboren oder lediglich in unserer Kultur erlernt wird, weiss ich nicht. Sicherlich gibt es sowohl Frauen, die ihr Leben ausschliesslich mit dem Kopf steuern, als auch Gefühlsmänner.

Ein überzeugendes Beispiel für Letztere sind etwa Künstler. In Tagebüchern von Dichtern wie Hesse oder Frisch kann man nachlesen, wie sich Gefühl und Verstand vereinen müssen, damit ein Kunstwerk entsteht. Mit dem «Bauchgefühl» meinen Sie das, was die Wissenschaft In­tuition nennt. Seit den sechziger Jahren wird das Phänomen von einer zunehmenden Zahl von Psychologen, Verhaltens- und Hirnforschern exakt erforscht, nachdem das Thema lange Zeit als unwissenschaftlich galt. Man weiss heute, dass intuitive Entscheidungen im Stirnbereich des Gehirns getroffen werden – und nicht im Bauch. Man kann auch be­weisen, dass die Intuition messerscharf arbeitet und der Verstand im Vergleich dazu schwach ist.

Durchschlagende Erkenntnisse dank der Intuition
Wir nehmen pro Sekunde elf Millionen Sinneseindrücke wahr, aber der Verstand kann davon nur 40 gleichzeitig verarbeiten. Der Rest geht in den unbewussten Datenspeicher und steht für intuitive Entscheidungen zur Verfügung.

Die Intuition arbeitet schnell, sie erzeugt innerhalb von Sekundenbruchteilen Geistesblitze, sie stellt eine Art sechsten Sinn dar: Man spürt einfach, dass etwas nicht stimmt. Sie verarbeitet nonverbale Signale, die sich in den Gesichtszügen oder in der Körpersprache eines Gesprächspartners zeigen und seine Worte unter Umständen Lügen strafen. Die Intuition ist kreativ, fügt zerstreute Einzelheiten zu einem sinnvollen Ganzen zusammen. Nicht selten ­werden so durchschlagende Erkenntnisse gewonnen. Der ­Physiker Isaac Newton etwa lag unter einem Baum und sah einen Apfel herunterfallen. Da schoss ihm durch den Kopf, dass dieselbe Kraft, die den Apfel gegen den Boden zieht, auch den Mond an die Erde fesseln könnte; er hatte die gegen­seitige Anziehungskraft der Gestirne erkannt und schrieb ­in der Folge das Gravitationsgesetz. Der Physiker Albert Einstein betonte, dass der Verstand lediglich ein Diener, die Intuition hingegen eine göttliche Gabe sei.

Was genialen Menschen geholfen hat, ist sicher auch für unseren Alltag nützlich. Wir dürfen also unserer Intu­i­tion durchaus vertrauen. Die Forscher haben allerdings entdeckt, dass sie nicht unfehlbar ist. Am besten­ ­brauchen wir also weiter unseren Verstand, aber lassen das Unbewusste kräftig mitmischen.