Eva D.: «Unsere Beziehung war am besten, als mein Freund eine schwere Krise durchlebte. Er konnte sich in meinen Armen plötzlich öffnen. Er war wie ein kleines hilfloses Kind und sehr liebenswert. Als er aus seinem Tief raus war, machte er mit mir Schluss. Er könne mir das nie zurückgeben, was ich für ihn getan hätte. Ich bin sicher, dass er unter der Oberfläche noch immer Probleme hat. Wie kann ich ihm helfen?»

Sie helfen ihm, indem Sie seine Entscheidung respektieren und darauf verzichten, ihm gegen seinen Willen helfen zu wollen. Zwar ist es schön, wenn einen jemand in der Not unterstützt. Aber kein Mensch möchte immer nur der Empfangende sein, immer nur das «kleine hilflose Kind», wie Sie schreiben. Im Wort Partnerschaft steckt die Idee, dass beide Teile geben und empfangen. Es muss eine gewisse Symmetrie herrschen.

Niemand will nur der Schwache sein

Sie sehen – so scheint es mir – in Ihrem Freund nur den hilflosen, lebensunfähigen Menschen. Sie schieben ihm damit eine undankbare Rolle zu, gegen die er sich offenbar zur Wehr gesetzt hat, indem er Schluss machte. Lassen Sie ihn ziehen: Nur so kann er sich weiterentwickeln.

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Immer wieder erhalte ich Briefe von Lesern, die für Dritte Hilfe suchen. Sehr oft sind es Mütter, die sich um längst erwachsene Kinder Sorgen machen. Manchmal – etwa bei süchtigen Angehörigen – zu Recht, manchmal eher subjektiv, wenn Eltern etwa glauben, ihre Töchter müssten mit 30 längst verheiratet sein oder mit 18 sei es dafür noch zu früh.

Ich habe in all diesen Fällen eine Standardantwort bereit. Sie lautet: Man kann niemandem gegen seinen Willen helfen. Damit seelische Hilfe wirksam werden kann, muss sie der Empfänger wünschen und akzeptieren können. Er muss motiviert sein. Man kann niemanden in eine Therapie «schicken», auch wenn man davon überzeugt ist, dass sie ihm guttun würde.

Natürlich ist Hilfsbereitschaft etwas Schönes. Es ist wertvoll, wenn es in unserer Konkurrenzgesellschaft Leute gibt, die nicht nur an sich denken. Aber wirksam helfen ist gar nicht so einfach. Auf diesem Gebiet sind Fallstricke und Stolpersteine verborgen. Es ist interessant, die sogenannte Helferpersönlichkeit genauer unter die Lupe zu nehmen. Wolfgang Schmidbauer hat das in seinem Buch «Hilflose Helfer» getan. Sehr oft entwickelt nämlich das Bedürfnis zu helfen eine ganz eigene Dynamik. Der Helfer gerät scheinbar zufällig immer wieder an hilfsbedürftige Menschen, bei denen er seine Leidenschaft ausleben kann. Und sollten sie seine Hilfe einmal nicht mehr brauchen, gerät er oft selber in eine Krise. Spätestens dann zeigt sich, dass er die Hilfsbedürftigen für sein eigenes Gleichgewicht braucht.

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Meist haben Helferpersönlichkeiten eher Mühe, sich unter gleich Starken durchzusetzen. Es fällt ihnen schwer, zu den eigenen Bedürfnissen zu stehen. Tun sie es einmal doch, haben sie rasch Schuldgefühle und halten sich für unmoralische Egoisten. Sie ziehen es vor, sich in die Bedürfnisse anderer einzufühlen und ihnen zu helfen. Damit stärken sie auch ihr eigenes Selbstbewusstsein. Natürlich hat Helfen auch mit Macht zu tun. Der Helfer glaubt zu wissen, was für andere gut ist, und er trifft die entsprechenden Anordnungen mit liebevoller Strenge.

Helfen, ohne zu entmündigen

  • Nur helfen, wenn Hilfe gesucht oder gewünscht wird. Keine Hilfe aufdrängen. Jeder ist für sein eigenes Leben verantwortlich.

  • Zu verstehen versuchen, was der andere fühlt. Es ist bereits sehr hilfreich, einen verständigen Zuhörer zu finden.

  • Fragen, was der Hilfesuchende braucht. Der Helfer soll dem Hilfe­suchenden nicht vorauseilen, sondern ihn begleiten.

  • Statt zu sagen, was für den anderen gut wäre, erzählt man besser von eigenen Erfahrungen, die einem weiter­geholfen haben (inklusive Namen, Adressen, Bücher et cetera).

  • Sich nicht überschätzen. Man kann einen anderen Menschen nicht retten, man kann ihn höchstens auf seinem Weg ein Stück weiterbringen.
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Buchtipp

Wolfgang Schmidbauer: «Hilflose Helfer. Über die seelische Problematik der helfenden Berufe»; Rowohlt, 1997, 252 Seiten, Fr. 17.90