Diese Frage kann ich nicht allgemeingültig beantworten. Alle Menschen brauchen einerseits Selbstentfaltung und Freiheit, anderseits Gemeinschaft, Nähe und Geborgenheit - aber je nach Individuum in anderer Mischung. Vielleicht gibt es einen grossen Unterschied zwischen Ihnen und Ihrem Mann, was das Bedürfnis nach Nähe betrifft. Dass man sich in einer Partnerschaft über einige wichtige Ziele einigt, ist unerlässlich, aber man muss nicht alles und jedes teilen oder gemeinsam erleben.

Fragen Sie Ihren Mann ohne Vorwurf, was ihm an Ihren Vorstellungen missfällt, und versuchen Sie, seine Vorbehalte zu verstehen. Vielleicht gefällt ihm ja der gemeinsame Ausflug durchaus, wenn er im selbstgebauten Boot mitrudern kann. Versuchen Sie auch, Ihr Bedürfnis nach mehr Zweisamkeit noch in anderen Worten auszudrücken. Vielleicht versteht er Sie dann besser, und Sie finden gemeinsam einen Mittelweg.

Gleichgültigkeit und Egoismus
Wir meinen oft, Konflikte seien ein Nullsummenspiel: als würde der eine gewinnen und der andere müsse als Verlierer dastehen. Das ist falsch. In den meisten Fällen gibt es einen Weg, auf dem beide Parteien gewinnen können. Diesen finden Sie, wenn Sie die Position Ihres Partners wirklich verstehen und er seine eigene klar darlegen kann. Dass dies oft misslingt, hängt damit zusammen, dass hochkochende Gefühle bei unterschiedlichen Interessen oder bei Meinungsverschiedenheiten das kreative Denken behindern.

Grundsätzlich sind wir alle Egoisten, aber das muss nicht zu einem Dauerkrieg führen. Die Wettbewerbs- und Konkurrenzgesellschaft baut auf dem Egoismus auf und verstärkt ihn gleichzeitig. So wird heute von vielen Menschen eine zunehmende Anonymisierung, Gleichgültigkeit und Entsolidarisierung beklagt.

In der Tat hat durch die Globalisierung der Druck auf den Einzelnen zugenommen. Diese Entwicklung könnte einem Angst machen, wenn nicht bereits eine korrigierende Gegenbewegung eingesetzt hätte. Offenbar haben Menschen doch auch ein angeborenes Gemeinschaftsgefühl. So ist seit einigen Jahren ein Trend zu mehr Verantwortung und Sorge für andere festzustellen: Mehr als 20 Prozent der Schweizer Bevölkerung üben mindestens eine unbezahlte Tätigkeit im Rahmen eines Vereins oder einer Organisation aus.

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Ein weltweites «Wir-Gefühl» als Vision
Laut dem Zukunftsforscher Georges T. Roos hat sich das Bild des sozial engagierten Menschen jedoch geändert: Das Bedürfnis, die Welt im Kleinen zu verbessern, werde heutzutage als Teil der Selbstentfaltung empfunden. «Volunteering» oder «Zeitspende», wie die modernen Begriffe dafür heissen, bereiten Spass und gelten nicht mehr als Opfer. Man trifft Menschen, gewinnt neue Freunde mit ähnlichen Werten und macht dadurch die Erfahrung, im selben Boot zu sitzen. Und allmählich, so die Vision des Musikers Carlos Santana, wird sich ein weltweites «Wir-Gefühl» entwickeln. Statt sich zu bekriegen, werden die Menschen dereinst gemeinsam Sorge zu diesem Planeten tragen.