Wie Ihr Partner auf das Eindringen in seine Privatsphäre reagieren würde, weiss ich auch nicht. Er könnte von Ihnen enttäuscht sein oder wütend werden. Ich empfehle Ihnen deshalb, Ihren Fehltritt für sich zu behalten und die Unsicherheit über die Bedeutung der E-Mail zu ertragen. Es ist sehr gut möglich, dass es sich nur um Angeberei unter Männern, um Machogehabe handelt. Es kann aber auch sein, dass Ihr Partner erotische Fantasien hat. Aber braucht Sie das zu beunruhigen?

Die amerikanische Autorin Nancy Friday hat in zwei Büchern sexuelle Fantasien von Frauen und Männern gesammelt – das Frauenbuch ist übrigens dicker geworden. Friday sagt, dass diese Fantasien das Seelenleben bereichern, aber nicht dazu da sind, in die Tat umgesetzt zu werden – also keine Gefahr für eine Beziehung darstellen.

Offenheit heisst nicht, dem Partner alles zu erzählen
Dass Sie Ihre Schnüffelaktion selber verurteilen, spricht für Ihre Sensibilität und Ihr Gefühl für Fairness. Briefe, Tagebücher oder Mailboxen, selbst jene von uns nahe stehenden Menschen, sollten für uns tabu sein. Jeder hat ein Recht auf Privatsphäre. Wer dem Partner oder den Kindern keine Geheimnisse lassen kann, leidet unter einem neurotischen Kontrollbedürfnis; er sollte an sich arbeiten, um selbstsicherer zu werden und mehr Vertrauen zu entwickeln.

Ehrlichkeit in den zwischenmenschlichen Beziehungen ist ein ganz grosser Wert. Ich halte es mit dem US-Psychologen Carl Rogers, der neben Einfühlung auch Offenheit fordert. In Rogers’ Sinn bedeutet das aber nicht, seine Seele fortwährend nach aussen zu kehren; es hat auch etwas Kindliches, dem Partner oder der Partnerin rein alles zu erzählen. Aber: Was man sagt, sollte dem entsprechen, was man denkt oder fühlt.

Sie sind übrigens nicht allein: Immer wieder schreiben mir Leserinnen, sie hätten Hinweise auf Pornografiekonsum ihrer Partner gefunden oder sie dabei ertappt – zum Teil auch bei der Selbstbefriedigung. Obwohl jeder ein Recht auf seine Intimsphäre hat, stellt sich ab einer gewissen Intensität autoerotischer Tätigkeit die Frage, ob nicht die Beziehung leidet. Grundsätzlich ist das Ziel der Sexualität die Begegnung. Wenn Letztere nur noch in der Fantasie oder virtuell stattfindet, geht Wichtiges verloren.

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Buchtipps

  • Nancy Friday: «Die sexuellen Phantasien der Männer»; Rowohlt, 2004, 320 Seiten, Fr. 17.30
  • Nancy Friday: «Verbotene Früchte. Die geheimen Phantasien der Frauen»; Goldmann, 1994, 352 Seiten, Fr. 14.80