Davon rate ich Ihnen ab; es ist ungesund, seine Gefühle zu unterdrücken. Das kann auch zu einer Stauung führen, die sich dann irgendwann in einer unverhältnismässig heftigen Explosion trotzdem entlädt.

Aber vielleicht können Sie lernen, konstruktiv zu streiten. Das würde bedeuten, dass es Ihnen gelingt, Ihre unterschiedlichen Meinungen so auszudrücken, dass es nicht zur Eskalation kommt, sondern eine befriedigende Lösung möglich wird.

Konflikte gehören ohne Zweifel zum Leben. Wir können nicht damit rechnen, dass immer alles reibungslos läuft, dass all unsere Erwartungen erfüllt werden. Wir müssen vielmehr daran arbeiten, unsere Wünsche und Bedürfnisse mit den Anforderungen der Umwelt in ein Gleichgewicht zu bringen.

Der Esel bleibt nicht immer stehen
Von einem Konflikt spricht man dann, wenn Handlungen, Bedürfnisse, Interessen, Wünsche, Erwartungen oder Gefühle von zwei oder mehreren Menschen in Widerspruch zueinander stehen und aufeinanderprallen.

In Studien haben Fachleute Menschen in Konfliktsituationen beobachtet und Befragungen durchgeführt. Dabei haben sich vier unterschiedliche Reaktionsmuster herauskristallisiert:

  • Ausweichen: Man zieht sich bei Spannungen zurück, ignoriert den Konflikt oder verdrängt ihn.
  • Anpassen: Man unterwirft sich Wünschen und Forderungen des anderen und legt die eigenen Ziele ad acta.
  • Durchsetzung: Man versucht mit aller Kraft, die eigene Position durchzuboxen.
  • Kooperation: Man sucht zusammen mit dem Gegenüber eine Lösung, die beide befriedigt.


Die letzte Variante ist natürlich der Idealfall, aber je nach Situation kann es auch sinnvoll sein, eine andere Strategie anzuwenden: Manchmal ist es eben gescheiter, nachzugeben oder sich zurückzuziehen, um so Kraft zu sparen. Andere Male wiederum kann es berechtigt sein, dass wir versuchen, uns durchzusetzen.

Wenn es zur Auseinandersetzung kommt, kann man zwischen destruktivem und konstruktivem Streiten unterscheiden. Destruktiv wird es, wenn jeder versucht, über den anderen zu triumphieren. Ein solcher Machtkampf führt zu der von Ihnen beklagten Eskalation. Bei konstruktivem Streiten werden die gegensätzlichen Positionen auch klar dargestellt, aber es wird in einer fairen Auseinandersetzung eine Lösung gesucht, die beiden etwas bringt oder zumindest für beide akzeptabel ist.

Faires Streiten erfordert zuerst eine Klärung der eigenen Gefühle, Bedürfnisse, Wünsche und Meinungen. Zweitens muss man in der Lage sein, sich neutral und ohne Vorwurf auszudrücken. Drittens braucht man Empathiefähigkeit, um die Position des anderen zu verstehen. Anstatt um Sieg und Niederlage gehts um Kommunikation und Verständigung, was nicht mit Harmonie verwechselt werden darf. Wir erfahren in diesem Prozess nämlich, dass Leute verschieden sind. Und je besser wir dies handhaben können, umso leichter fällt es uns, mit den auftauchenden Konflikten umzugehen.

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Buchtipp

Simone Pöhlmann, Angela Roethe: «Streiten will gelernt sein. Die kleine Schule der fairen Kommunikation»; Herder-Verlag, 2008, 174 Seiten, Fr. 18.90