Leider gibt es für Ihren Konflikt keine Patentlösung. Sie möchten wissen, ob es möglich ist, Rahmenbedingungen zu formulieren, in denen ein erotisches Abenteuer möglich ist, ohne die Beziehung zu gefährden. Vor Jahrzehnten wären die moralischen Normen noch klar gewesen. Wer verheiratet ist, bleibt dem Partner bis zum Tod treu. Allerdings wurde diese Regel schon früher nicht eingehalten – es gab sowohl Prostitution als auch Seitensprünge.

Es ist natürlich denkbar, dass jemand aus einer unbefriedigenden und belastenden Beziehung zu einer Drittperson flieht, um wieder ein inneres Gleichgewicht herzustellen. Dies scheint aber bei Ihnen nicht der Fall zu sein. Laut Ihrem Schreiben verspürt Ihre Partnerin keine Lust auf Experimente und kritisiert, dass Sie den Fünfer und das Weggli haben wollen.

Die Liebe dient der Erhaltung der Art
Interessant wird dabei die Frage, welches denn das natürliche Liebes- und Sexualverhalten von Frauen und Männern ist. Schon in der Frage steckt eine Fussangel, denn der Mensch ist eben nicht nur Natur, sondern auch Kultur. Sein Verhalten wird zwar teilweise von Instinkten gesteuert. Zum andern bestimmen aber Erlerntes und gesellschaftliche Normen sein Verhalten. Beide Seiten müssen berücksichtigt werden, wenn wir uns selbst verstehen wollen.

Es ist unbestritten, dass der Mensch als Krone der Schöpfung über sehr viel mehr Freiheit und viel differenziertere Möglichkeiten der Lebensgestaltung verfügt als alle anderen Lebewesen. Trotzdem ist er, wie Charles Darwin (1809 bis 1882) erkannt hat, ein Produkt der Evolution, das heisst, in der Tiefe seiner Seele sind auch animalische Verhaltensmuster wirksam. Aus dieser biopsychologischen Perspektive dient auch die menschliche Sexualität vor allem der Erhaltung der Art, das heisst, dass die Liebe nur dazu da ist, dass möglichst viele gesunde Nachkommen entstehen. Aus dieser Sicht ist es sinnvoll, dass der Mann mit möglichst vielen verschiedenen Frauen Verkehr hat, um seine Erbanlagen so weit wie möglich zu streuen. Frauen wären dagegen wegen Schwangerschaft und Kleinkinderbetreuung eher auf Stabilität angewiesen. Da wir Menschen sind, haben wir aber natürlich auch höhere Bedürfnisse, etwa nach Geborgenheit und gegenseitigem Vertrauen, was nur eine langjährige Beziehung bieten kann. Modernen Paaren bleibt also nichts anderes übrig, als in diesem Spannungsfeld den ureigenen Weg zu suchen.

Freiheit ist etwas Wunderbares, aber sie bedeutet auch Verantwortung. Sie bedeutet, dass einem Fehler passieren können, deren Konsequenzen man tragen muss.

Quelle: Archiv