Ich glaube kaum. Natürlich sind in einer Partnerschaft die Zeiten, die man zusammen verbringt, wichtig, so wie gemeinsame Ziele und gegenseitiges Vertrauen. Eine Beziehung ist aber nur dann fruchtbar und bleibt lebendig, wenn beide Beteiligten auch ein Eigenleben bewahren.

In der Anfangsphase der Verliebtheit mag es einem zwar so vorkommen, als wäre man zu einem einzigen Wesen verschmolzen. Man könnte von einer symbiotischen Beziehung sprechen. Der Begriff kommt aus dem Tier- und Pflanzenreich und meint ein Zusammenleben zweier Lebewesen zum beiderseitigen Nutzen. Im Extremfall kann eines ohne das andere nicht existieren. So absolut sollten menschliche Beziehungspartner natürlich nicht voneinander abhängig sein. Nicht nur könnte man einen Verlust des anderen dann kaum verkraften - die Angst vor einem solchen Ereignis fördert auch die gegenseitige Kontrolle und belastet das Zusammenleben.

Symbiose schafft das Urvertrauen ins Leben
Es gibt im Leben eine Phase, in der das symbiotische Beziehungsmuster angebracht und notwendig ist. Die Psychoanalytikerin Margaret S. Mahler schreibt darüber in ihrem Buch «Die psychische Geburt des Menschen».

Vom zweiten bis etwa zum sechsten Lebensmonat bilden Säuglinge mit der Mutter eine Symbiose. Das Kind erlebt sich und die Mutter als untrennbare Einheit. Deshalb ist es besonders wichtig, dass die Mutter alle Bedürfnisse des Säuglings spüren und angemessen darauf reagieren kann. So entsteht das Urvertrauen ins Leben.

Vielleicht ermöglicht Verliebtheit eine vorübergehende Rückkehr in diesen primären Zustand des Verbundenseins. Allmählich erfährt das Kind aber seine körperliche Getrenntheit von der Mutter, beginnt, sich intensiv für die Umwelt zu interessieren, und freut sich über seine zunehmenden Fähigkeiten. Schliesslich findet wieder eine gewisse Rückkehr zur Mutter statt, indem ihr das Kind jetzt zeigen will, was es entdeckt hat. Während dieses Trennungs- und Wiederannäherungsprozesses, der mit etwa drei Jahren abgeschlossen ist, erstarkt das Ich des Kindes. Es erwirbt Selbstvertrauen und Vertrauen in die Welt. Nach der körperlichen hat nun die psychische Geburt stattgefunden.

Wer diesen Prozess als Kleinkind optimal durchlaufen hat, wird zu einem selbständigen und trotzdem bindungsfähigen Erwachsenen. Individuelle Entfaltung und Engagement für die Gemeinschaft sind für ihn im Gleichgewicht. Die Beziehungsmuster sind nicht mehr symbiotisch. Eine Abgrenzung vom anderen bereitet keine Mühe, obwohl Einfühlung und Verständnis vorhanden sind. Zu einer normalen Entwicklung gehört aber, dass nicht alles optimal läuft. In der Regel passen Bedürfnisse der Kinder und Möglichkeiten der Eltern nicht hundertprozentig aufeinander.

So kann es sein, dass gerade in den intimen, nahen Paarbeziehungen Bedürfnisse, Ängste und Konflikte aus der frühen Mutter-Kind-Beziehung wieder auftauchen. In einer Psychotherapie kann man aber jederzeit korrigierende Erfahrungen machen und in jenen Belangen «nachreifen», wo es nötig ist.

Buchtipp

Margaret S. Mahler, Fred Pine, Anni Bergman: «Die psychische Geburt des Menschen. Symbiose und Individuation»; Fischer-Verlag, 376 Seiten, Fr. 21.90

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