Auf alle Fälle nicht ungewöhnlich. Ich habe die gleiche Beobachtung auch schon bei Männern gemacht. Irgendwann «kriechen sie unter einen Rock», und die Kollegen kommen dann nur noch an zweiter Stelle. Ich neige zwar dazu, dieses Verhalten als Rückfall in eine kindliche Anklammerungsphase zu deuten. Aber es scheint im Sinn von «durchschnittlich» normal zu sein, denn die meisten Menschen verhalten sich vorderhand so. Fazit: Es gibt zu wenig wirklich selbstständige und zugleich liebesfähige Menschen.

Ist die Singles-Euphorie tatsächlich vorüber? Vor 20 Jahren waren Bücher wie «Singles – Alleinsein als Chance des Lebens» Bestseller. Heute boomen auf allen TV-Kanälen Partnerwahlsendungen, und der «Blick» titelte kürzlich in einer Sonderbeilage: «Die grosse Liebe wartet auf Sie, 803 Singles verschenken ihr Herz.» Das Alleinsein scheint für viele Menschen zur Sackgasse geworden zu sein. Das Hauptproblem sind vermutlich Gefühle der Isoliertheit oder Einsamkeit. Freiheit hat eben ihre Tücken.

Der erste Schritt ist klar: endlich frei sein. Solange wir eingeengt sind, wollen wir die Einschränkungen loswerden. Wenn wir dann so weit sind, zeigt sich aber, dass Freiheit ein Negativkonzept ist. Freiheit bedeutet zwar Wegfall von Einengung, Verpflichtung, belastender und bedrückender Bindung. Aber nach gelungener Aktion stehen wir im Leeren. Freiheit wozu? Was fangen wir jetzt damit an?

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Menschen wie Susannes Kolleginnen kriechen schon bald zurück in die «Zweierkiste» und vernachlässigen den erweiterten Gemeinschaftsbezug; ich fürchte jedoch, dass sie sich nach einiger Zeit wieder eingeengt fühlen. Wahrscheinlich sagen sie sich dann, sie hätten einmal mehr den falschen Partner erwischt, und trennen sich unter Schmerzen mit Gefühlen der Enttäuschung, um weiter zu suchen.

Wir müssen akzeptieren, dass Glück kein anhaltendes Hochgefühl ist. Das Leben kann das niemandem bieten. Glück ist eher die Folge eines Gleichgewichts: im Bereich der Beziehungen eine Balance zwischen Freiheit und Engagement. Eine Mischung aus Selbstentfaltung und Abgrenzung einerseits sowie Bindung, Einfühlung und Mitmenschlichkeit anderseits.

Ich meine, dass die herkömmliche Zweierbeziehung und die Kleinfamilie nicht die einzigen Möglichkeiten sind, so etwas zu leben. Und ich interpretiere das Interesse an «Big Brother» oder an Sitcoms wie «Fascht e Familie» und «Mannezimmer» als Teil einer Suche nach alternativen Lebensformen. Möglicherweise sind Wohngemeinschaften, wie sie in der Folge der 68er-Bewegung zuerst in studentischen Kreisen entstanden sind, in Zukunft auch ein Modell für breitere Bevölkerungsschichten. Vielleicht wären «Alters-WGs» eine gute Lösung für getrennte oder verwitwete Leute in der zweiten Lebenshälfte; und vielleicht könnten moderne Wohnprojekte allein erziehenden Eltern eine grosse Entlastung bringen.

Voraussetzung wäre aber, dass wir schon früh lernen würden, uns in nicht familiären Gemeinschaften zurechtzufinden. Dabei ginge es wieder ums Gleichgewicht zwischen Durchsetzung und Anpassung. Hier könnte eine fortschrittliche Schule, die sich nicht nur auf intellektuelle Förderung beschränkt, sondern ebenso Persönlichkeitsbildung und Gemeinschaftserziehung betreibt, einen wesentlichen Beitrag leisten.

Leider geht der gesellschaftliche Trend heute eher Richtung «Neo-Liberalismus»: Auf allen Ebenen findet eine Entsolidarisierung statt. Schlagworte wie «mehr Konkurrenz», «jeder gegen jeden», «gewinnen um jeden Preis» beschreiben die aktuelle Stimmung.

Der Schaden ist sogar messbar: Eine Folge ist etwa der jährliche volkswirtschaftliche Verlust durch Stress in der Höhe von 4,2 Milliarden Franken. Es ist höchste Zeit, dass wir neben kognitiver und emotionaler auch vermehrt soziale Intelligenz entwickeln!