Beobachter: Angenommen, ich habe mich in meine Mitarbeiterin verliebt. Soll ich die Liebe gegenüber den Arbeitskollegen und Vorgesetzten zugeben?
Rolf Kuhn:
Ein anfänglich durchaus sinnvolles Verheimlichen – im Sinne des Gedeihenlassens – kann mit der Zeit zu einer Belastung werden. Mit zunehmender Dauer der Beziehung wird es immer schwieriger, andern klar zu machen, wieso man den heimlichen Weg gewählt hat.

Beobachter: Mit welchen Reaktionen muss man rechnen?
Kuhn:
Das Veröffentlichen ist oft eine enorme Entlastung. Der erste Schritt scheint zwar schwierig, aber oft sind ja die Reaktionen des Umfelds wesentlich erfreulicher, als es sich die Betroffenen ausgemalt haben. Eigentlich geht es ja um die Frage, ob ich nicht lieber ein «sauberes Problem» als eine «schmutzige Lösung» habe.

Beobachter: Wie sollen sich die Mitarbeitenden und Vorgesetzten verhalten?
Kuhn:
Am besten ist es sicher, allfällige Vermutungen und Gerüchte direkt gegenüber den Betroffenen anzusprechen. Meines Erachtens gibt es wegen nicht geführter Gespräche mehr Probleme in der Arbeitswelt als wegen Gesprächen, die nicht ganz glücklich verlaufen. Ich glaube jedoch, dass vielen von uns der Mut zu diesem offenen Austausch fehlt – nicht weil wir die andern, sondern in erster Linie uns selbst schonen wollen.

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Beobachter: Wie sollen Paare, die über längere Zeit zusammen in einem Betrieb arbeiten, Privatleben und Beruf unter einen Hut bringen?
Kuhn:
Eine Balance zwischen Arbeits- und Privatleben zu finden ist generell schwierig, egal unter welchen Lebensbedingungen. In den meisten Beziehungen werden viele und lange Gespräche über Inhalte, Ereignisse und Personen aus dem Arbeitsumfeld geführt. Was hier bereichernd wirkt, kann für Paare belastend sein, die im gleichen Betrieb arbeiten. Je enger sie zusammenarbeiten, desto bewusster sollten sie sich deshalb jeweils eigene «Bewegungsräume» schaffen und verschiedenen Aktivitäten nachgehen.

Beobachter: Mit welchem Zweck?
Kuhn:
Dadurch können neue, individuelle und arbeitsübergreifende Impulse in die Beziehung einfliessen. Ohne diese kann zum Beispiel eine Trennung des Paars besonders heikel sein. Dann werden Arbeits-, Privat- und Sozialleben gleichzeitig irritiert, und die Arbeitssituation für die Betroffenen und ihr Umfeld wird erschwert.

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