Das Problem:
«Vor zehn Jahren ging ich mit meiner Freundin und ihren zwei Kindern eine Partnerschaft aus Liebe ein. Wir waren eine gute Familie. Meine Partnerin flehte mich immer wieder an, sie nicht zu verlassen. Sie wachte oft aus Albträumen auf und schrie: «Geh nicht weg, geh nicht weg!» Und jetzt ist sie gegangen. Wie konnte sie bloss etwas so Kaltblütiges tun?»

Koni Rohner, Psychologe FSP:
Leider kann man oft beobachten, dass Menschen anderen das antun, wovor sie sich am meisten fürchten. Es ist eben besser, in der gefürchteten Situation Täter zu sein als Opfer. So begehen Leute, die als Kind missbraucht worden sind, manchmal selber Übergriffe. Es gibt Menschen, die als Erwachsene noch nie von einem Partner verlassen wurden, weil sie immer vorzeitig aus allen Beziehungen aussteigen – aus lauter unbewusster Angst vor dem Gefühl der Verlassenheit, das sie als Kinder schon erleben mussten. Selbstverständlich löst ein derartiges Verhalten das Grundproblem nicht. Diese Personen kommen nur ins Gleichgewicht, wenn sie sich der Situation stellen, die bei ihnen Panik auslöst.

In milder Form kennen wir alle die Wandlung vom Opfer zum Täter. Plötzlich stellen wir mit Schrecken fest, dass wir trotz gegenteiligen Bemühungen mit unseren Kindern genauso umspringen, wie wir es bei unsern Eltern gehasst haben. Wenn wir es merken, sind wir aber bereits dabei, dieses Muster zu überwinden.

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Ich glaube auch nicht, dass Ihre Freundin nur ausgezogen ist, um nicht selbst verlassen zu werden. Falls Sie alle Gründe wissen wollen, müssen Sie sie danach fragen. Ich kann mir vorstellen, wie sehr Sie leiden, und kann Ihnen doch nichts anderes raten, als durch Trauer, Wut und Enttäuschung hindurchzugehen – unter Umständen mit therapeutischer Hilfe – und auch Ihrer Freundin die Gefühle der Verletzung mitzuteilen.