«Der Arzt überredete meinen Mann, bei der Geburt unseres zweiten Kindes dabei zu sein. Das war vor fünf Jahren. Sexuell begehrte mich mein Mann seither nie mehr. Eigentlich war es eine normale Geburt, bei der alles gut ging. Ob sie ihn trotzdem irgendwie schockierte? Er will leider nicht darüber reden.»

Iris K.

Koni Rohner, Psychologe FSP:


Wahrscheinlich kann er es auch nicht. Die Zeit allein heilt nicht, und es wächst auch nicht über alles Gras: Sie brauchen dringend die Hilfe einer Paartherapie, um den Problemen in Ihrer gemeinsamen Sexualität auf den Grund zu gehen. Die meisten seelischen Störungen müssen aktiv bearbeitet werden, damit sie ihre destruktive Kraft verlieren.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich von negativen Erfahrungen nach der Anwesenheit von Vätern bei der Geburt höre. Kaum jemand wagt es aber, dies laut zu sagen. Es gilt als modern, emanzipiert und als Zeichen der Liebe, wenn werdende Väter bei der Geburt dabei sind.

Ich hingegen vertrete die Meinung, dass der Geburtsakt ein Frauengeheimnis bleiben sollte gerade weil er so beeindruckend ist. Denn eine Geburt ist nicht nur ein wunderbares Ereignis, sondern auch ein animalischer Akt, der die gewaltige Potenz der gebärenden Frau zeigt. Auf viele Männer wirkt dies kastrierend: Wenn sie später wieder zärtlich und erotisch mit ihrer Frau zusammen sind, tauchen Bilder der Geburt auf und stören die Liebesbegegnung. Viele Paare klagen vielleicht gerade deswegen nach der Geburt eines Kindes darüber, dass es mit dem Sex nicht mehr so gut klappe wie vorher.

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Selbstverständlich kann es schön sein, wenn der Mann seine Frau vor dem eigentlichen Geburtsakt begleitet obwohl auch da Frauen gestehen, sie wären mit einer Freundin zur Seite entspannter gewesen, denn der hilflos wirkende Partner habe bei ihnen das Gefühl ausgelöst, auf ihn Rücksicht nehmen zu müssen. Die meisten Männer empfinden es auch als berührend und wertvoll, das Neugeborene unmittelbar nach der Geburt in den Arm nehmen und so den ersten Kontakt schliessen zu können.

Es ist deshalb wichtig, als angehende Eltern weder dem Modetrend noch irgendeiner Expertenmeinung zu folgen, sondern ehrlich und offen miteinander abzusprechen, in welchem Umfang der Mann bei der Geburt dabei sein soll.

So wichtig die Emanzipation der Frauen auch ist: Sie sollte nicht dazu führen, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern eingeebnet werden. Männer und Frauen sind verschieden, körperlich und seelisch; das ist kein Fehler, sondern ausgesprochen bereichernd.

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Über die Unterschiede zwischen Mann und Frau hat der Amerikaner John Gray einen Bestseller geschrieben (siehe Buchtipp). Der Autor erfand die Geschichte, Männer und Frauen hätten einst auf verschiedenen Planeten gelebt die Frauen auf der Venus, die Männer auf dem Mars. Und weil auf dem Mars andere Regeln gegolten hätten als auf der Venus, komme es in Partnerschaften immer wieder zu Missverständnissen; diese seien dann für die vielen Trennungen und Scheidungen verantwortlich.

Laut Gray verarbeiten Männer Stress, indem sie sich zurückziehen, während Frauen über die Probleme reden wollen. Weiter führt er aus, dass Frauen vor allem begehrt und verstanden, Männer dagegen wegen ihrer Leistungen geachtet werden möchten. Ich bin mir nicht sicher, ob Grays Beschreibungen der Unterschiede zeitgemäss sind: Wollen die Männer im tiefsten Seelengrund wirklich immer noch Helden sein und die Frauen Prinzessinnen?

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Dennoch: Was auch immer Männlichkeit und Weiblichkeit ausmacht, die Energie ist sicher nicht dieselbe. Das macht die Begegnung der Geschlechter auch so spannend. Wir wissen aus der Elektrizitätslehre: Strom kann nur fliessen, wenn eine Spannung erzeugt wird. Intensive Kontakte zwischen Mann und Frau finden deshalb nur statt, wenn beide Seiten zu ihrem unterschiedliche Fühlen und Erleben stehen können.

Die Frauen sind mit dem Feminismus vorangegangen, und langsam scheint sich auch bei den Männern eine Art Emanzipationsbewegung zu bilden. Wenn Männer und Frauen sich nicht nur ehrlich gegenübertreten, sondern einander auch in ihrer Andersartigkeit verstehen wollen, muss diese Akzentuierung der Unterschiede aber nicht im Kampf der Geschlechter enden. Doch Toleranz allein genügt nicht sie liegt zu nahe bei der Gleichgültigkeit. Mann und Frau müssen ein wirkliches Interesse an den Gefühlen des andern zeigen. Und nicht zuletzt ist beiderseits ein gutes Selbstbewusstsein nötig: die Sicherheit, dass das, was wir als Männer und Frauen fühlen und erleben, in Ordnung ist.

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Buchtipp:

John Gray: «Männer sind anders. Frauen auch.»

Goldmann-Verlag, 16 Franken