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DemenzpatientenAusnahmezustand auf Dauer

Die Pflege von demenzkranken Angehörigen ist geistig und körperlich eine Herausforderung. Doch es gibt einfache Tricks, wie sich das Leben für beide Seiten angenehmer gestalten lässt.

Der Alltag mit einem demenzkranken Menschen ist enorm anstrengend. Die Pflege ist nicht nur körperlich und seelisch belastend, sondern erfordert auch grösste Geduld. Etwa wenn der Patient die Unterhose über statt unter den Jeans trägt, Schlüssel und wichtige Unterlagen versteckt, die Toilette nicht innert nützlicher Frist findet oder immer wieder behauptet, jemand anders habe das Glas ausgeleert. Wenn dann die ohnehin blank liegenden Nerven durchgehen und der Geduldsfaden reisst, stellt sich beim Betreuer ein schlechtes Gewissen und beim Patienten Verunsicherung, Widerwillen und möglicherweise sogar Aggressivität ein - der Alltag wird zusätzlich erschwert.

Je wohler und geborgener sich demenzkranke Personen in ihrer Umgebung fühlen, je stressfreier ihr Umfeld ist, desto «pflegeleichter» sind sie. So manche stressige Situation lässt sich vermeiden, indem die nähere Umgebung demenzgerechter hergerichtet wird - ohne grosse bauliche Veränderungen oder teure Anschaffungen.

Im Zimmer des Patienten

  • Grössere Spiegel können Halluzinationen fördern, da die Patienten sich unvermittelt einer Person gegenübersehen, die sie unter Umständen nicht als sich selber erkennen. Lachen Sie im Beisein des Patienten in den Spiegel, dann lacht die «fremde Person» ebenfalls - das schafft positive Gefühle. Nützt das nichts, den Spiegel abmontieren.
  • Sorgen Sie für Helligkeit in den Räumen, allenfalls auch nachts. Lassen Sie im Winter nötigenfalls auch tagsüber das Licht brennen.
  • Manche Demenzkranke haben Wahnvorstellungen, bei denen sie überall Ungeziefer sehen. Muster auf Bodenbelägen und sonstigen Wohntextilien können die vermeintliche «Chäferli-Invasion» fördern.
  • Kleider, die über eine Stuhllehne gelegt sind oder an einem Kleiderständer hängen, können im Dunkeln schemenhaft an Figuren erinnern und den Kranken verunsichern. Verstauen Sie die Kleider in einem Schrank oder ausserhalb des Zimmers.
  • Legen Sie die Kleider des Patienten nebeneinander in der Reihenfolge bereit, in der sie angezogen werden.
  • Schreiben Sie an Schranktüren und Schubladen den Inhalt an, falls nötig mit Symbolen.



In der Wohnung

  • Markieren Sie die Räume zur besseren Orientierung - allenfalls nicht mit Wörtern, sondern mit Symbolen.
  • Entfernen Sie Stolperfallen wie Türschwellen, freiliegende Kabel und lose Teppiche. Sichern Sie gefährliche Stellen wie Treppen und Badewannen. Stürze sind für den Patienten nicht nur schmerzhaft und gefährlich, sondern verängstigen ihn häufig nachhaltig.
  • Lassen Sie keine wichtigen Sachen wie Pass, Schlüssel oder Geld herumliegen. Demenzkranke neigen dazu, Gegenstände zu «versorgen» - und dann zu vergessen, wohin sie sie getan haben.
  • Gefährliche Dinge wie Messer und Zündhölzer dürfen Sie nie offen herumliegen lassen. Und schrauben Sie vom Gasherd allenfalls die Knöpfe ab oder schliessen Sie den Haupthahn.
  • Medikamente oder nicht zum Konsum geeignete Flüssigkeiten wie Parfum und Putzmittel sollten Sie ausser Reichweite des Patienten aufbewahren.
  • Falls der Kranke zum Weglaufen neigt, schliessen Sie die Türen ab. Mäntel in der Nähe der Wohnungs- oder Haustür animieren zusätzlich zum «Ausgehen».



Beim Essen

  • Verzichten Sie auf gemustertes Geschirr. Demenzkranke verwechseln die Dekorationen auf dem Teller oft mit Essensresten und versuchen, sie auf die Gabel oder in den Löffel zu kriegen. Weil das nicht gelingt, sind Frustration und allenfalls sogar Wutausbrüche programmiert.
  • Servieren Sie Lebensmittel, die sich leicht schneiden und kauen lassen.
  • Da ältere Menschen oft zu wenig trinken, empfiehlt es sich, öfters Suppen zu servieren. Suppentassen mit Henkeln erleichtern die Aufnahme.
  • Falls sich für den Patienten das Trinken unsicher gestaltet, kann eine Schnabeltasse aus Kunststoff dienlich sein.
  • Verlassen Sie sich nicht darauf, dass der Kranke seine Medikamente nimmt, auch wenn er versichert, es zu tun. Beobachten Sie, ob er die Arzneimittel einnimmt.
  • Stellen Sie in der Wohnung Gläser mit frischem Wasser auf. Demenzkranke trinken nicht, weil sie wissen, dass sie trinken müssen, sondern weil sie durch äussere Anreize - etwa durch ein Glas Wasser - daran erinnert werden.



Beim Gespräch

  • Benutzen Sie keine neudeutschen Ausdrücke wie «pink» und «T-Shirt», sondern die entsprechenden deutschen Wörter (rosa, Unterleibchen).
  • Sprechen Sie langsam, deutlich und in kurzen Sätzen.
  • Sprechen Sie den Patienten von vorn an. Die meisten Demenzkranken haben eine starke seitliche Blickfeldeinschränkung.
Veröffentlicht am 19. Juni 2006