Eilends ging er damit zu seinen Freunden. Waren die neidisch! Und wie gerne hätten sie ihn auch mal an der grellgelben Kordel durch die Luft gewirbelt, wie Jan es tat. Aber sie durften es nicht. Jan liess keinen an seinen Ballon heran.

Er hatte ihn auf den Namen König getauft, weil ein König etwas ganz Besonderes ist. Das hatte ihm die Oma erzählt. Ein König, so sagte sie, trüge immer eine goldene Krone und einen weissen Umhang mit goldenen Punkten darauf. Beides hatte der Opa dem Ballon aufgemalt. Die etwas grellen Augen, die dicke Nase und den breiten Mund habe er allerdings - so erzählte Opa schmunzelnd - von Natur aus. Von Natur aus hatte er wohl auch sein hochmütiges Wesen. Er sah nämlich immer nur in die Höhe, so als wolle er sagen: «Ich bin zu etwas Höherem geboren, bin zu fein für die Kinder und die Erwachsenen hier. Immerhin wissen sie wenigstens, was ich bin: ein König! Lange werde ich bei diesem Volk nicht bleiben, ich will höher, ganz hoch hinaus. Sobald ich kann, fliege ich!»

Von solcherlei Gedanken merkte Jan nichts. Er liebkoste den Ballon, nannte ihn «mein bester Freund» und vertraute ihm blindlings. Früher war der «beste Freund» sein kleiner Teddy gewesen. Allen Kummer, alle Freude hatte er ihm sagen können, Teddy trug alles mit. Aber nun sass er traurig in der Ecke und bekam kein gutes Wort zu hören. Im Bett hatte der König heute Abend seinen Platz eingenommen. Jan hatte ihn von der gelben Kordel befreit und hielt ihn fest in seiner rechten Hand, mit der linken streichelte er seinen neuen Freund und erzählte ihm wundersame Geschichten, die den König überhaupt nicht interessierten. Überhaupt: Was fiel Jan ein, mit ihm so zu schmusen? Man hatte einen König mit Respekt zu behandeln und gebührenden Abstand zu halten. Er funkelte Jan böse an. «Was hast du?», fragte Jan, «bist du unzufrieden mit mir?» «Wieso sollte ich zufrieden sein?», fragte der Ballon zurück, «so ein enger Raum wie dieses Zimmer ist keine Wohnstatt für mich.» Und boshaft fügte er hinzu: «Aber was verstehst du schon vom Leben eines Königs.»

Quelle: Jupiterimages

Der arme Jan! Er versuchte mit Schmusen und sogar mit einem Abendlied den König zufriedenzustellen. Er versprach ihm weite Spaziergänge und sogar einen Besuch im Zirkus! Der König war und blieb unzufrieden. Von all den Anstrengungen wurde Jan schliesslich schläfrig, seine Augen fielen zu und seine rechte Hand lockerte den Griff um den königlichen Ballon. Der atmete auf. Er war frei! Er richtete sich auf, sah sich im Zimmer um und entdeckte das offene Fenster hinter Jans Bett. Da konnte er raus! Raus in die weite Welt. Er konnte und wollte hoch fliegen... über Jans dümmliche Liebesbeweise und sein Menschendasein erhaben.

Er gab sich selbst einen kräftigen Ruck. Und schon trug ihn der Wind über die Häuser der dunklen Stadt. «Höher, Wind! Los, trag mich höher! Ich will zu den Sternen!» Der Wind hasste solchen Befehlston. Darum tat er, was der Ballon wollte. Wäre dieser netter gewesen, hätte er ihn gewarnt. So aber setzte er ihn bei den Sternen ab und sagte: «Sieh zu, wie du alleine fertig wirst.» «Werde ich!», antwortete der Ballon hochmütig. Er griff sofort zum nächsten Stern, dessen scharfe Zacken sich in den königlichen Leib bohrten. Ein Knall - und es gab keinen wunderschönen Ballon mehr.

Der Knall drang bis in Jans Kinderzimmer und in seinen Traum. Er erwachte. Suchte den Ballon. «Er ist weg», sagte Teddy mitfühlend und legte seine Wange an die von Jan. «Wein nicht so sehr, er war deiner Liebe wirklich nicht wert.» Dabei wischte er sanft die Tränen von Jans Gesicht. Nach einer Weile beruhigte sich der Junge. «Meinst du wirklich?», fragte er den Teddy. «Ja», sagte der, «er war aussen aufgetakelt und innen nur Luft, sowas ist der Liebe unfähig.» Und nach einer Weile fügte er hinzu: «Da fällt mir gerade ein Sprichwort meiner Grossmutter ein: Hochmut kommt vor dem Knall.»

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